So ein Gespräch führt Maria Gluchman, stellvertretende Betriebsratsvorsitzende bei Billa, immer wieder: Eine Kollegin aus einer Filiale ruft an. Sie verwaltet seit einigen Wochen die Gemüseabteilung, sorgt für ein vielfältiges Warensortiment und dafür, dass immer alles frisch bereitliegt. „Bekomme ich jetzt den gleichen Lohn wie der Kollege, der vor mir da war?“, will sie wissen. Maria Gluchman freut sich über solche Anfragen, denn: „Reden übers Geld muss sein. Das kann man bei uns und das ist gut so“, sagt sie.
Regelmäßige Einkommensberichte sind bei Billa seit langem üblich. Sie zeigen der Betriebsrätin jedes Jahr, wie die Aufgaben, Kenntnisse und Vordienstzeiten der über 30.000 Beschäftigten des Handelsunternehmens eingestuft werden. Außerdem kann Gluchman auf ein ausgefeiltes Personalkonzept zurückgreifen. „Wir schauen, ob es in jedem Einzelfall passt. Wenn nicht, haben wir klar belegbare Argumente, um etwas zu verbessern“, sagt sie. „Einkommensberichte allein ändern nichts, aber sie sind ein gutes Mittel der Kontrolle für uns.“
„Wichtig ist ihr: „Die Leute müssen wissen, was wir für sie tun können. Dafür nutzen wir so viele Info-Kanäle wie möglich: Besuche in den Filialen, Info-Flyer, Newsletter, die Betriebsrats-Homepage, Facebook oder Instagram und die Betriebsratszeitung.“
„Betriebe ab 25 Beschäftigten sollten Einkommensberichte vorlegen müssen. Damit hätten fast 70 Prozent aller Arbeitnehmer:innen Zugang zu Fakten rund um die Bezahlung in ihrem Betrieb.“
Eva-Maria Burger, Leiterin der Abteilung Frauen- und Gleichstellungspolitik, AK Wien
Gleiche Bezahlung für Frauen und Männer: Was bei Billa immer wieder überprüft wird, ist in vielen anderen Betrieben noch lange nicht erreicht. „Nach wie vor verdienen Frauen in Österreich fast ein Fünftel weniger pro Stunde als ihre männlichen Kollegen. Und das liegt nicht nur daran, dass in Branchen, in denen viele Frauen arbeiten, oft das Lohnniveau niedriger ist. Frauen werden noch viel zu oft schlechter bezahlt, einfach weil sie Frauen sind. Mit dieser Benachteiligung muss Schluss sein“, sagt Eva-Maria Burger, Leiterin der Abteilung Frauen- und Gleichstellungspolitik der Arbeiterkammer Wien.
Österreich gehört in Sachen Lohngleichheit zu den Schlusslichtern in Europa. Ein Weg, das zu ändern, ist mehr Lohntransparenz. Eine EU-Richtlinie dazu muss bis Juni 2026 auch in Österreich Gesetz werden. Bisher sind nur Betriebe ab 150 Beschäftigten verpflichtet, in regelmäßigen Einkommensberichten ihre Beschäftigten und Betriebsräte darüber zu informieren, was die Firma für welche Tätigkeit bezahlt. Laut EU-Richtlinie sollen künftig mindestens alle Unternehmen ab 100 Beschäftigten zu Einkommensberichten verpflichtet werden.
Die Arbeiterkammer will mehr: „Betriebe ab 25 Beschäftigten sollten Einkommensberichte vorlegen müssen. Damit hätten fast 70 Prozent aller Arbeitnehmer:innen Zugang zu Fakten rund um die Bezahlung in ihrem Betrieb“, sagt Burger. Denn mit klaren Zahlen und Fakten kann man leichter über das Thema Geld reden. „Da sind andere Länder viel weiter als wir in Österreich. Das Reden über das Einkommen muss aus der Tabuzone.“
Bei Nokia in Wien arbeiten etwa 185 Beschäftigte. Betriebsratsvorsitzender Alfred Denninger nutzt die Einkommensberichte dazu, sich einmal im Jahr gemeinsam mit der Geschäftsführung anzusehen, ob Frauen und Männer entsprechend ihrer Arbeit bezahlt werden. Außerdem setzt er gemeinsam mit der Geschäftsführung um, was der Kollektivvertrag für die Elektro-Industrie vorsieht: 0,35 Prozent der Gesamtgehaltssumme werden von der Firma unter Beteiligung des Betriebsrats als „Leistungsvolumen“ an die Beschäftigten verteilt: als Belohnung bei guten Leistungen, aber auch, um mehr Gleichstellung bei der Bezahlung zu schaffen. „So bleibt das Thema fairer Lohn Jahr für Jahr auch im Bewusstsein der Führungskräfte und des Management-Teams von Nokia Österreich“, sagt Denninger.
„Die Leute müssen wissen, was wir für sie tun können. Dafür nutzen wir so viele Info-Kanäle wie möglich.“
Maria Gluchman, stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Billa AG
Damit die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen im ganzen Land mehr diskutiert wird, werden die Arbeiterkammer und die Gewerkschaften nicht lockerlassen. Sie haben sich mit dem bundesweiten Netzwerk der Frauen- und Mädchenberatungsstellen, mit dem Österreichischen Frauenring, dem Städtebund und vielen Partner:innen österreichweit zur „Allianz für Lohntransparenz NEU“ zusammengeschlossen.
Die Ziele: mehr öffentlicher Druck gegen Lohndiskriminierung und für gut zugängliche Einkommensberichte. Außerdem braucht es eine offene Gesprächskultur in Sachen Geld und volle Transparenz bei allen Entgeltbestandteilen in den Betrieben, vom Lohn bis zur Provision – und das möglichst schon im Bewerbungsprozess. Burger: „Davon werden alle, Frauen und Männer, profitieren.“
Das sehen auch die Menschen in Österreich so. Eine österreichweite, repräsentative Umfrage von L&R Sozialforschung im Auftrag der „Allianz für Lohntransparenz NEU“ unter mehr als 2.500 Beschäftigten zeigt: Über 90 Prozent wünschen sich mehr Infos über Boni, Zulagen und Prämien. Und fast 88 Prozent wollen endlich eine genaue Erklärung, wie ihr Einkommen konkret zustande kommt.
Mehr Einkommenstransparenz steht bis zum Sommer auf der politischen Tagesordnung. Weitere Baustellen für Chancengleichheit bleiben: So leisten Frauen noch immer mit Abstand den größten Anteil der Care-Arbeit, also der unbezahlten Arbeit etwa in Haushalt und Kinderbetreuung.
Billa-Betriebsrätin Maria Gluchman engagiert sich für bessere Aufstiegschancen für Frauen im Handel. Bei Billa kann man eine Teilzeitstelle aufstocken, wenn zuvor regelmäßige Mehrarbeit angefallen ist. Die Vorteile der längeren Arbeitszeiten: mehr Gehalt, mehr Pension. „Viele Frauen nehmen das aber nicht in Anspruch. Denn oft sind ihre Männer nicht bereit, ihren Anteil an der Hausarbeit oder der Kinderbetreuung zu übernehmen. Die Lohntransparenz auszuweiten, ist gut und richtig. Aber es gibt noch viel mehr zu tun.“