Maria Gluchman, Betriebsrätin, im Gespräch © Markus Zahradnik


Lohngerechtigkeit

Gender-Pay-Gap:
Die Lücke schließen

Frauen verdienen in Österreich fast ein Fünftel weniger pro Stunde als Männer. Betriebsrätin Maria Gluchman erzählt, warum alle profitieren, wenn mehr über Einkommen diskutiert wird.

Ute  Bösinger
10.02.2026


in aller kürze

Lohngerechtigkeit 

  • Der Gender-Pay-Gap zeigt den prozentualen Unterschied zwischen dem durchschnittlichen Bruttoverdienst von Frauen und Männern.
  • Frauen verdienen rund 18 % weniger pro Stunde als Männer.
  • Ursachen sind hauptsächlich strukturelle Faktoren und schlechter bewertete Branchen.
  • Ein Hebel ist Lohntransparenz, etwa durch Einkommensberichte, um Unterschiede sichtbar zu machen.
  • Eine EU‑Richtlinie verpflichtet Mitgliedstaaten bis Juni 2026 zu verbindlichen Transparenzregeln.

So ein Gespräch führt Maria Gluchman, stellvertretende Betriebsrats­vorsitzende bei Billa, immer wieder: Eine Kollegin aus einer Filiale ruft an. Sie verwaltet seit einigen Wochen die Gemüse­abteilung, sorgt für ein vielfältiges Waren­sortiment und dafür, dass immer alles frisch bereitliegt. „Bekomme ich jetzt den gleichen Lohn wie der Kollege, der vor mir da war?“, will sie wissen. Maria Gluchman freut sich über solche Anfragen, denn: „Reden übers Geld muss sein. Das kann man bei uns und das ist gut so“, sagt sie.

Was bedeutet Lohn­trans­parenz für Beschäftigte?

Regelmäßige Einkommens­berichte sind bei Billa seit langem üblich. Sie zeigen der Betriebsrätin jedes Jahr, wie die Aufgaben, Kenntnisse und Vordienst­zeiten der über 30.000 Beschäftigten des Handels­unternehmens eingestuft werden. Außerdem kann Gluchman auf ein ausgefeiltes Personalkonzept zurückgreifen. „Wir schauen, ob es in jedem Einzelfall passt. Wenn nicht, haben wir klar belegbare Argumente, um etwas zu verbessern“, sagt sie. „Einkommens­berichte allein ändern nichts, aber sie sind ein gutes Mittel der Kontrolle für uns.“ 

„Wichtig ist ihr: „Die Leute müssen wissen, was wir für sie tun können. Dafür nutzen wir so viele Info-Kanäle wie möglich: Besuche in den Filialen, Info-Flyer, Newsletter, die Betriebsrats-Homepage, Facebook oder Instagram und die Betriebsrats­zeitung.“ 


Eva Burger, AK Wien © Lisi Specht
Eva Burger, AK Wien © Lisi Specht

Betriebe ab 25 Beschäftigten sollten Ein­kommens­­berichte vor­legen müssen. Damit hätten fast 70 Prozent aller Arbeit­­nehmer:in­nen Zugang zu Fakten rund um die Bezah­lung in ihrem Betrieb.


Eva-Maria Burger, Leiterin der Abteilung Frauen- und Gleich­stellungs­politik, AK Wien

Gleiche Bezahlung für Frauen und Männer: Was bei Billa immer wieder überprüft wird, ist in vielen anderen Betrieben noch lange nicht erreicht. „Nach wie vor verdienen Frauen in Österreich fast ein Fünftel weniger pro Stunde als ihre männlichen Kollegen. Und das liegt nicht nur daran, dass in Branchen, in denen viele Frauen arbeiten, oft das Lohnniveau niedriger ist. Frauen werden noch viel zu oft schlechter bezahlt, einfach weil sie Frauen sind. Mit dieser Benach­teiligung muss Schluss sein“, sagt Eva-Maria Burger, Leiterin der Abteilung Frauen- und Gleichstellungspolitik der Arbeiterkammer Wien.

Österreich und die EU-Richtlinie

Österreich gehört in Sachen Lohn­gleichheit zu den Schluss­lichtern in Europa. Ein Weg, das zu ändern, ist mehr Lohntransparenz. Eine EU-Richtlinie dazu muss bis Juni 2026 auch in Österreich Gesetz werden. Bisher sind nur Betriebe ab 150 Beschäftigten verpflichtet, in regelmäßigen Einkommens­berichten ihre Beschäftigten und Betriebsräte darüber zu informieren, was die Firma für welche Tätigkeit bezahlt. Laut EU-Richtlinie sollen künftig mindestens alle Unternehmen ab 100 Beschäftigten zu Einkommens­berichten verpflichtet werden.

Die Arbeiterkammer will mehr: „Betriebe ab 25 Beschäftigten sollten Einkommens­berichte vorlegen müssen. Damit hätten fast 70 Prozent aller Arbeit­nehmer:innen Zugang zu Fakten rund um die Bezahlung in ihrem Betrieb“, sagt Burger. Denn mit klaren Zahlen und Fakten kann man leichter über das Thema Geld reden. „Da sind andere Länder viel weiter als wir in Österreich. Das Reden über das Einkommen muss aus der Tabuzone.“

Breite Allianz für Lohngerechtigkeit 

Bei Nokia in Wien arbeiten etwa 185 Beschäftigte. Betriebsrats­vorsitzender Alfred Denninger nutzt die Einkommens­berichte dazu, sich einmal im Jahr gemeinsam mit der Geschäftsführung anzusehen, ob Frauen und Männer entsprechend ihrer Arbeit bezahlt werden. Außerdem setzt er gemeinsam mit der Geschäfts­führung um, was der Kollektiv­vertrag für die Elektro-Industrie vorsieht: 0,35 Prozent der Gesamtgehalts­summe werden von der Firma unter Beteiligung des Betriebsrats als „Leistungs­volumen“ an die Beschäftigten verteilt: als Belohnung bei guten Leistungen, aber auch, um mehr Gleichstellung bei der Bezahlung zu schaffen. „So bleibt das Thema fairer Lohn Jahr für Jahr auch im Bewusstsein der Führungs­kräfte und des Management-Teams von Nokia Österreich“, sagt Denninger.


Maria Gluchman © Markus Zahradnik
Maria Gluchman, stv. Betriebsratsvorsitzende © Markus Zahradnik

Die Leute müssen wissen, was wir für sie tun können. Dafür nutzen wir so viele Info-Kanäle wie möglich.


Maria Gluchman, stell­vertretende Betriebsrats­vorsitzende Billa AG

Damit die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen im ganzen Land mehr diskutiert wird, werden die Arbeiterkammer und die Gewerkschaften nicht lockerlassen. Sie haben sich mit dem bundesweiten Netzwerk der Frauen- und Mädchen­beratungsstellen, mit dem Österrei­chischen Frauen­ring, dem Städtebund und vielen Partner:innen öster­reichweit zur „Allianz für Lohn­transparenz NEU“ zusammen­geschlossen.

Die Ziele: mehr öffentlicher Druck gegen Lohn­diskriminierung und für gut zugängliche Einkommens­berichte. Außerdem braucht es eine offene Gesprächs­kultur in Sachen Geld und volle Transparenz bei allen Entgelt­bestandteilen in den Betrieben, vom Lohn bis zur Provision – und das möglichst schon im Bewerbungs­prozess. Burger: „Davon werden alle, Frauen und Männer, profitieren.“

Baustelle Care-Arbeit 

Das sehen auch die Menschen in Österreich so. Eine österreich­weite, repräsentative Umfrage von L&R Sozial­forschung im Auftrag der „Allianz für Lohn­transparenz NEU“ unter mehr als 2.500 Beschäftigten zeigt: Über 90 Prozent wünschen sich mehr Infos über Boni, Zulagen und Prämien. Und fast 88 Prozent wollen endlich eine genaue Erklärung, wie ihr Einkommen konkret zustande kommt.

Mehr Einkommens­transparenz steht bis zum Sommer auf der politischen Tages­ordnung. Weitere Baustellen für Chancen­gleichheit bleiben: So leisten Frauen noch immer mit Abstand den größten Anteil der Care-Arbeit, also der unbezahlten Arbeit etwa in Haushalt und Kinder­betreuung.

Billa-Betriebsrätin Maria Gluchman engagiert sich für bessere Aufstiegs­chancen für Frauen im Handel. Bei Billa kann man eine Teilzeit­stelle aufstocken, wenn zuvor regel­mäßige Mehrarbeit angefallen ist. Die Vorteile der längeren Arbeitszeiten: mehr Gehalt, mehr Pension. „Viele Frauen nehmen das aber nicht in Anspruch. Denn oft sind ihre Männer nicht bereit, ihren Anteil an der Hausarbeit oder der Kinder­betreuung zu übernehmen. Die Lohntransparenz auszuweiten, ist gut und richtig. Aber es gibt noch viel mehr zu tun.“


gut zu wissen

Einkommensberichte nutzen:
5 Tipps für Betriebs­rät:innen

  1. Einfordern: Einkommens­berichte müssen in berichts­pflichtigen Unternehmen derzeit mit mehr als 150 Beschäftigten regelmäßig von der Firma an den (Zentral-)Betriebsrat gehen. Falls nicht: nachfordern! 

  2. Hinschauen: Was sagt der Einkommens­bericht? Gibt es Auffälligkeiten? 

  3. Nachfragen: Wie erklärt die Geschäfts­führung die Auffälligkeiten? Ist das nachvollziehbar und gerecht­fertigt oder muss da etwas geändert werden? 

  4. Wer hilft: Die Abteilung Frauen- und Gleichstellungs­politik der AK Wien beantwortet deine Fragen. E-Mail genügt: fg@akwien.at 

  5. Mehr Infos zum Thema gibt es online: Reden wir übers Geld!


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