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Klimakrise und Jobs

Arbeitswege klimafit gestalten: Wie können wir klimafreundlich in die Arbeit kommen?

28 Prozent der österrei­chischen Gesamt­emis­sionen kommen aus dem Verkehr. In Zeiten der Klima­krise sollten sich Firmen ver­stärkt um die Arbeits­wege ihrer Belegschaft kümmern. Denn wer klima­freund­­lich in die Arbeit reist, trägt maß­geblich dazu bei, den CO₂-Ausstoß zu redu­zieren.  

Theresa Goisauf
07.06.2023
in diesem Artikel

    „Verkehr ist immer ein Ausdruck des Mangels. Denn wenn man vor Ort keine Arbeit, Schule oder Geschäft vorfindet, muss man sich dorthin bewegen “, ist Heinz Högelsberger überzeugt. Er arbeitet in der Abteilung für Umwelt und Verkehr in der AK Wien. Für eine sozial gerechte und ökologische Mobilitäts­wende müssen die Wege in die Arbeit erleichtert werden. „Es ist also höchste Zeit, dass Unter­nehmen ihre Verant­­wortung wahrnehmen und dafür sorgen, dass ihre Beschäftigten und Kunden kosten­günstig, ökologisch und ent­spannt anreisen können“, sagt der AK Experte.


    Unternehmen in puncto Arbeitswege stärker in die Pflicht nehmen

    Zwei Drittel der Arbeits­wege werden mit dem PKW zurückgelegt. Dies verursacht gut ein Viertel der C0₂-Emissionen des gesamten Personen­verkehrs in Österreich. Viele Regionen sind nicht ausreichend an öffentliche Verkehr­smittel angeschlossen und somit vom Auto abhängig, um täglich in die Arbeit zu kommen. „Der weitere Ausbau von Öffis und die Förderung von Gehen und Radfahren schont das Klima und die Geldbörse“, so Högelsberger. 

     

    Arbeitswege Österreich und VOR-Region © AK Wien
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    Heinz Högelberger, AK Wien © Erwin Schuh
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    Heinz Högelsberger, AK Wien, Abteilung für Umwelt und Verkehr
    „Unter­nehmen müssen drin­gend ein kon­se­quen­tes be­trieb­li­ches Mo­bi­li­täts­manage­ment um­setzen.“

    Heinz Högelsberger, AK Wien

    Öffi-Anbindung der Arbeitsplätze

    Die Hälfte aller Betriebsstandorte mit über 50 Beschäftigten ist zwar sehr gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar, aber die andere Hälfte schaut durch die Finger. Die AK Wien hat beim Institut für Raum­ordnung (ÖIR) eine Untersuchung über die Öffi-Anbindung der Arbeits­plätze in Österreich in Auftrag gegeben. Das Resultat ist eine interaktive Landkarte, die auf Anfrage von Betriebsrät:innen genutzt werden kann, Betriebs­standorte mit schlechter Öffi-Anbindung zu identifizieren, um dort entscheidende Verbesserungen einzufordern. 


    Betriebliches Mobilitätsmanagement 

    Während es früher zahlreiche Werks­busse gab, verlassen sich heute viele Unter­nehmen darauf, dass ihre Beschäftigten ein Auto besitzen. „Unternehmen müssen dringend ein konsequentes betriebliches Mobilitäts­management umsetzen“, so Heinz Högelsberger. Die AK fordert ein gesetzlich verpflichtendes betriebliches Mobilitäts­management ab 50 Beschäftigten. Bis dies verwirklicht wird, kann Mobilitätsmanagement auch in einer Betriebsvereinbarung oder in Kollektivverträgen verankert werden. Ein Best-Practice-Beispiel gibt es bereits.


    Klimaticket für Lehrlinge

    Im Kollektivvertrag für das Metall­gewerbe ist das gratis Klimaticket für Lehrlinge seit 2022 verankert. „Wir sind hier Vorreiter und haben das gratis Klimaticket für Lehrlinge erfolgreich durchgesetzt. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung“, sagt Michael Preyss. Er ist Betriebsratsvorsitzender und vertritt im Bundes­branchen­ausschuss für das Metall­gewerbe in der PRO-GE rund 115.000 Arbeiter:innen und Lehrlinge in Österreich. 


    Klimaschützende Maßnahmen 

    Mit geeigneten betrieblichen Maßnahmen, wie dem Klimaticket oder der An­passung der Arbeits­­zeiten an die Fahrpläne kann man Beschäftigte motivieren, auf Öffis umzusteigen.

    Unternehmen könnten auch Shuttlebusse zum nächsten Bahnhof organisieren, Fahrgemein­schaften fördern, und attraktive Homeoffice Regelungen vereinbaren, rät Högelsberger. Auch Betriebs­kindergärten erleichtern komplexe Wegketten. Eine weitere Entlastung für das Klima sind steuerfreie Jobtickets: Firmen übernehmen teilweise oder vollständig die Kosten für Fahrkarten (z.B Jahreskarte). 


    Wer radelt ist gesünder

    Die Hälfte der Arbeits­wege ist kürzer als zehn Kilometer – damit gibt es ein großes Potenzial, mit dem Rad in die Arbeit zu fahren. Die Möglich­keiten für Radfahrer:innen werden verbessert, indem mehr Abstellplätze, Lade­stationen, Spinde, Duschen oder Betriebsfahrräder („Jobrad“) angeboten werden. Der Gesundheit tut es jedenfalls gut, denn Radfahrer:innen sind nachweislich gesünder und weisen weniger Krankenstände auf.  


    WEbtipp

    Tipp Symbolbild © AK Wien

    Förderungen

    Die öffentliche Hand gewährt viele Förderungen für kosten­lose Webinare und Bera­tungen, für den Ankauf von elektrischen Fahrzeugen, den Bau von Radabstell­plätzen oder die Anschaffung von E-Bikes und Transporträdern. Für ein betriebliches Mobilitäts­management gibt es kosten­freie Beratung für Betriebe. Details unter Klimafit Mobil.

    Michael Preyss, PRO-GE © privat
    © privat
    Michael Preyss, Vorsitzender des PRO-GE-Bundesbranchenausschusses für das Metallgewerbe
    „Wir sind hier Vorreiter und haben das gratis Klima­ticket für Lehr­linge erfolgreich durch­gesetzt.“

    Michael Preyss, PRO-GE                                                   

    Wie der Betriebsrat unterstützen kann

    Der Betriebsrat kann zum Beispiel eine Mitarbeiter:innen-­Befragung zur Anreise in die Arbeit durchführen mit der Möglichkeit für Verbesserungs­vorschläge. Außerdem kann er unterstützen, indem er die Teilnahme an Mitmach-­Aktionen (z.B. „Österreich radelt“) fördert und Gewinner:innen ehrt, sowie Aktions­wochen und Infotage veran­staltet. „Es ist ganz wichtig, dass die Geschäfts­führung vollkommen hinter dem Projekt steht und möglicherweise eine Vorbild­funktion einnimmt. Auch der Betriebs­rat muss im vollen Umfang eingebunden sein“, so Högelsberger. 


    Klimafreundliche Arbeitszeiten

    Auch eine Arbeitszeit­verkürzung ist klima­freundlich und trägt zur Reduktion der Emissionen bei. Leute, die mehr Zeit haben, können ihren Alltag klima­freundlicher gestalten. „Wenn wir gemeinsam für die 4-Tage-Woche kämpfen und uns das gelingt, würden meine Monteure nur mehr 4 statt 5-mal die Woche mit dem Auto fahren. Dann hätten wir einen wichtigen Teil erreicht“, betont Michael Preyss. 


    Reform Pendlerpauschale 

    Pendeln ist eine finanzielle, ökologische und psychische Belastung und verursacht ein Viertel der CO2-Emissionen des gesamten Personen­verkehrs. Rund eine Million Arbeit­nehmer:innen beziehen das Pendler­pauschale; davon stehen drei Viertel keine zumutbaren öffentliche Verkehrsmittel zur Verfügung.  

    Pendeln stellt für viele eine große finanzielle Belastung dar. Laut einer Rechnung des ÖAMTCs (2021) liegen die durchschnitt­lichen Kosten für einen Pkw bei 460 Euro pro Monat, während die Ausgaben für öffentlichen Verkehr bei maximal 92 Euro gedeckelt sind (Klimaticket Österreich).

    Mit 30. Juni 2023 läuft die befristete Erhöhung von Pendlerpauschale und Pendlereuro aus, die 2022 aufgrund der stark gestiegenen Spritpreise eingeführt wurde. Die AK fordert nun, das Pendlerpauschale einfacher, ökologischer und gerechter zu gestalten. 


    Soziales Ungleichgewicht: Pendlerpauschale

    Die derzeitige Regelung benachteiligt Arbeiter:innen und Angestellte mit kleinen und mittleren Einkommen. Högelsberger: „Von den umweltschädlichen Steuer­subventionen profitiert das reichste Viertel am meisten, obwohl der ärmste Bevöl­kerungs­teil am stärksten vom Ausstoß schädlicher Emissionen betroffen ist“. Die Steuer­ersparnis durch das Pendler­­pauschale steigt mit dem Einkommen. Die AK rechnet nach: Ein:e Arbeiter:in mit einem monatlichen Lohn von 1.800 Euro erhält für dieselbe Wegstrecke knapp 450 Euro weniger als ein leitender Angestellter mit einem Monatsbrutto von 9.000 Euro. 


    Pendlerabsetzbetrag mit Ökobonus

    Für steuerliche Zwecke spielt es bisher keine Rolle, ob öffentliche Verkehrs­mittel zumutbar sind und auch tatsächlich verwendet werden. AK und ÖGB fordern daher ein Reform­modell: „Pendlerabsetz­betrag mit Ökobonus“. Denn Niedrig­verdienende müssen dringend entlastet werden. Mit einem Ökobonus bei nach­weislicher Nutzung (z.B. eines Klimatickets), könnte ein Anreiz zum Umstieg geschaffen werden. ÖGB und AK schlagen vor, dass Pendler:innen, die öffentliche Verkehrsmittel nutzen, einen Bonus von 200 Euro erhalten sollen. Damit Gut­verdienende nicht am meisten profitieren, soll statt des Steuer­freibetrags ein Absetz­betrag eingeführt werden, der die Lohn­steuer verringert und damit allen gleich stark zugutekommt. 


    WEbtipp

    Tipp Symbolbild © AK Wien

    AK Positionspapier und Endbericht zur Erreichbarkeit

    Hier geht es zum AK Positionspapier: Reformmodell-Pendlerabsetzbetrag mit Ökobonus 

    Hier findest du den Endbericht: Erreichbarkeit großer Arbeitsplatzstandorte mit dem öffentlichen Verkehr  - samt Landkarten

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