Georg Appl, Betriebsrat AGES, Judith Falkinger, Statistik Austria © Markus Zahradnik
Interview

Aus­ge­glied­erte Bet­riebe: Kein Puffer für Kri­sen

Zu wenig Bud­get bringt viele öf­fent­liche Stel­len ans Limit, so eine AK Studie. Judith Falk­inger (Statis­tik Austria) und Georg Appl (AGES) bestätigen das auch aus Betriebs­­rats­­sicht.
Katharina  Nagele-Allahyari
04.06.2024
© AKtuell. Quelle: AK, Forba, IFES

Wir haben mit den beiden Expert:innen darüber ge­sprochen:

AKtuell: Die Agentur für Ernährungs­sicherheit AGES und die Statistik Austria erfüllen wichtige gesetz­liche Auf­gaben. Früher waren sie Teil eines Minis­teriums. Was hat sich seit der Ausgliederung verändert?

Judith Falkinger: Die Welt wurde komplexer. Der gesetzliche Rahmen, der bei der Aus­glieder­ung mit dem Pauschal­betrag gedeckt war, hat sich zwar nicht grund­sätzlich geändert. Aber in diesen Rahmen muss viel mehr hinein als früher: Wir haben vieles von Papier auf ein höheres tech­nisches Level umgestellt und es gibt mehr Berichts­pflichten an die EU – mit genaueren Vorgaben. Aber weder die Inflation noch das ungleich komplexere Aufgaben­gebiet wurden seither finanziell abgedeckt.

Georg Appl: Auch bei uns reicht die Basis­abgeltung nicht. Wir sind eigentlich auch für Krisen da. Glyphosat, die Corona-Hotline – bei uns ist fast immer alles ein Problem! Wir sind der Bittsteller. Geld mit Priva­taufträgen herzuschaffen, geht aber auch schwer, wenn es unsere Kern­aufgabe ist, Teil der Kontrolle zu sein – etwa von Lebens­mitteln und Ackerboden – und Dinge zuzulassen, wie Medikamente oder Pestizide.


 

Judith Falkinger, Statistik Austria © Markus Zahradnik
© Markus Zahradnik
„Ich will nicht um die Ab­gelt­ung der In­fla­tion streiten müs­sen!“

Judith Fal­­kinger, Be­triebs­rats­vorsitzende Statis­tik Aus­tria

 

AKtuell: Das klingt nach hohem Druck. Wie geht es den Mit­arbeiter:innen dabei?

Appl: Wer bei uns arbeitet, sucht und findet Sinn in dieser Arbeit. Das hat die immer knapper werdenden Geld­mittel bisher abgefangen. Aber der Sinn kommt durch die fehlenden Geld­mittel immer mehr abhanden und damit auch der Respekt vor der Tätigkeit der:des Einzelnen. Es gibt wenig Nach­besetzungen – und wenn, dann ohne zeitliche Über­lappung, sodass viel Wissen verlorengeht. Ein Kollege hat erzählt, dass er vier Monate im Jahr aufgrund von Kranken­stand und Urlaub für zwei arbeitet. Wann soll hier noch Forschung passieren, wie im Gesetz vorgesehen.

Falkinger: Die Mit­arbeiter:in­nen sind so motiviert, dass sie den Betrieb trotz Eng­pässen aufrecht­erhalten. Aber immer mehr Kolleg:innen sind am Limit, Burn-out und stress­bedingte Eigen­kündigungen werden zu einem ernst­zu­nehmen­den Thema. In einigen Schlüs­sel­bereichen braucht es dringend Entlastung.

AKtuell: Wie wirkt sich die Aus­gliederung auf eure Arbeit im Betriebsrat aus?

Falkinger: Wir müssen einerseits mit Banken und Versicherungen, andererseits aber auch mit der Verwaltung und dem öffentlichen Dienst konkur­renzfähig sein, um etwa gute Program­mierer:innen oder Data Scientists beschäftigen zu können. Das Minimum ist ein akzeptables Grundgehalt, und wir verhandeln gerade über eine Reihe an Maßnahmen zur Attraktiv­ierung von Statistik Austria als Arbeitgeberin. Um Wissen aufzubauen, brauchen wir Leute, die lange bei uns bleiben.

Appl: Bei Beamten ist das Dienst­recht in ein Gesetz gegossen und es ist klar, wer für welche Arbeit was bekommt. Da gibt es auch keine nennens­werte Gehalts­schere zwischen Frauen und Männern. Aufgrund der Aus­gliederung haben wir mittlerweile dasselbe Problem wie in der Privatwirtschaft: Die Schere geht auseinander. Verhandlungen über die richtige Einstufung machen einen Großteil unserer Arbeit aus. Unsere Produktivität ist um 30 Prozent gestiegen. Aber das hat uns niemand gezahlt! Wir bilden zum Teil Leute aus, die in der Privatwirtschaft auch hände­ringend gesucht werden. Die können wir so nicht halten.

Georg Appl, AGES © Markus Zahradnik
© Markus Zahradnik
„Wir glie­dern ja auch die Rich­ter nicht in eine GmbH aus.“

Georg Appl, Betrieb­srat AGES

 

AKtuell: Was müsste sich ändern?

Appl: Geld macht es leichter, aber es gehört auch hinterfragt, welche Aufgaben der Staat wahrzunehmen hat. Kontrolle und Zulas­sung muss zügig und flächendeckend sichergestellt werden. Wir sind als AGES eigentlich auch Teil des Rechts­systems. Wir gliedern ja auch die Richter nicht in eine GmbH aus. Wir wollen unsere Arbeit nach dem Gesetz – und wieder gut! – erledigen können.

Falkinger: Wis­sen ist ein immat­erielles Gut, und nur die wenigsten verstehen, wie aufwendig die Herstellung ist. Gegen Fake News brauchen wir verlässliche Daten. Unsere Arbeit ist wesentlich dafür, dass die Republik gut funktioniert. Hunderttausende Miet­verträge basieren auf unserer Berechnung des Verbraucher­preisindex, von der Berechnung des BIP hängen unsere Mitglieds­beiträge an die EU ab. Ich will nicht um die Abgeltung der Inflation streiten müssen!


WEBtipp

Studie: Arbeitsbedingungen in ausgegliederten Unternehmen in Bereichen der kritischen Wissensinfrastruktur © AK Wien, Ifes

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Hier findest du die Studie zu den Arbeitsbedingungen in ausgegliederten Betrieben.

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