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Arbeitszeit

Neue Vollzeit wagen

Acht von zehn Beschäf­tigten wünschen sich deutlich kürzere Arbeits­zeiten. Die AK möchte mit einem Drei-Punkte-Plan die gesetzliche Ve­rkür­zung der Arbeits­zeit in Gang bringen.

Martina Fassler
23.05.2023
in diesem Artikel

    Ins Hinter­treffen ist Österreich nicht nur bei der Be­kämpfung der Teuerung geraten. Auch bei der Ent­wicklung einer neuen, gesun­den Voll­zeit für das 21. Jahr­hundert sind viele Länder weiter. Nach erfolgreichen Pilot­programmen in Island und Groß­britannien verkündete kürzlich die spanische Regierung, die Ein­führung der Viertage­woche bei vollem Lohn­ausgleich zu testen. Die Mel­dung wurde just am selben Tag bekannt, als AK Präsidentin Renate Anderl auch für Österreich einen derartigen Versuch verlangte.


     

    Infografik Arbeitszeit © AKtuell, Quelle: AK
    © AKtuell, Quelle: AK
    Sybille Pirklbauer  © Lisi Specht
    © Lisi Specht
    „Kürzer arbeiten bei vollem Lohnausgleich ist das Arbeitsmodell der Zukunft.“ Sybille Pirklbauer leitet die Abteilung Sozialpolitik der AK Wien.

    Vollzeit: 30 ist das neue 40


    „Die gesetzliche Definition von 40 Stunden Normal­arbeits­zeit ist im 21. Jahr­hundert nicht mehr zeitgemäß. Es wird immer intensiver gearbeitet, der Arbeits­druck steigt quer durch alle Branchen. Wir brauchen dringend eine neue, gesunde Vollzeit“, erklärt Renate Anderl ihren Vorstoß. Während die Regierung bisher mauert, teilt die überwäl­tigende Mehrheit der Beschäftigten die Forderung der AK. In einer Online-Umfrage, an der sich 4.700 Personen beteiligten, gaben 82 Prozent an, kürzer arbeiten zu wollen.

    „Die Tendenz ist immer gleich: Männer wie Frauen, Arbeiter:innen wie Angestellte möchten weniger Stunden arbeiten“, erläutert Sybille Pirklbauer, Leiterin der Abteilung Sozial­politik in der AK Wien. Würde eine 30-Stunden-Woche mit vollem Lohn- und Personal­ausgleich als neue Vollzeit eingeführt, fände dies sehr hohe Akzeptanz. Drei Viertel der Befragten würden dann 30 Stunden oder knapp darunter arbeiten.

    Von diesem neuen Vollzeitmodell sind wir derzeit weit entfernt. „Wir stechen im EU-Vergleich durch besonders lange Arbeitszeiten hervor“, so Pirklbauer. Brisant ist zusätzlich, dass vergangenes Jahr rund jede vierte Überstunde unvergütet blieb. Es geht um mehr als 47 Millionen Überstunden. Wie dieses Verhalten mancher Arbeitgeber einzustufen ist? „Das ist eine Form von Betrug“, sagt Pirklbauer. Den Beschäftigten entgehen dadurch 1,2 Milliarden Euro.




    webtipp

    Tipp Symbolbild © AK Wien

    Online-Umfrage: Welche Arbeitszeit wünschen Sie sich?

    Hier kannst du die Umfrageergebnisse im Detail nachlesen.

    AK Präsidentin Renate Anderl © Sebastian Philipp
    © Sebastian Philipp
    Renate Anderl ist Präsidentin der AK Wien.
    „In vielen Län­dern wird die Vier­tage­woche er­probt. Das wollen wir auch für Österreich.“

    Renate Anderl, Präsidentin der AK Wien

    Doppelt so produktiv


    In Österreich wurde die Arbeits­zeit auf gesetzlicher Ebene zuletzt 1975 verkürzt. Die Produk­tivität hat sich seither verdoppelt. Weitere Verkür­zungen gehen auf den Einsatz der Gewerk­schaften zurück, die in vielen Kollektiv­verträgen kürzere Arbeits­zeiten verankern konnten. „Es ist hoch an der Zeit, dass auch der Gesetz­geber endlich in der modernen Arbeits­welt ankommt und in allen Branchen eine moderne Vollzeit ermöglicht“, sagt Pirklbauer. Denn die gestiegene Arbeits­produktivität erleben die Beschäftigten als stark erhöhten Arbeitsdruck.

    „Die Menschen arbeiten heute viel intensiver als etwa in den 1970er-Jahren. Wir brauchen mehr Zeit für Erholung, um dauerhaft leistungsfähig zu bleiben“, sagt Renate Anderl. Auch die Chancen­gleichheit zwischen Frauen und Männern erhielte durch kürzere Arbeits­zeiten einen neuen Anstoß. Denn bei einer gesetzlichen 30-Stunden-Woche würden sich die Arbeits­zeiten der meisten Frauen als auch Männer bei dieser Arbeits­zeit einpendeln.

    Wie kommen wir zu der kürzeren Arbeitszeit? Die AK möchte dies mit einem Drei-Punkte-Programm bewirken. Schritt für Schritt soll die Arbeitszeit für alle Branchen gesetzlich verkürzt werden. 



    FACTBOX


    Kürzer arbeiten:
    Der Drei-Punkte-Plan für eine neue Vollzeit


    Verhandlungen starten

    AK Präsidentin Renate Anderl fordert Minister Kocher auf, ein neues Arbeitszeitgesetz auszuhandeln. „Dabei muss er alle Sozialpartner einbinden. Im Mittelpunkt muss eine spürbare Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn- und Personalausgleich stehen.“


    Pilotversuch angehen

    In Großbritannien konnten die beteiligten Unternehmen ihre Umsätze steigern und die Zahl der Krankenstandstage sank. Der Pilotversuch wurde unter Mitwirkung von Wissenschaftlern der Eliteuniversität Oxford durchgeführt. Anderl dazu: „Diese Ergebnisse kann man nicht einfach ignorieren. Herr Kocher sollte die Wissenschaft ernst nehmen und auch für Österreich einen Pilotversuch starten.“


    Aus für All-in-Verträge

    Die bestehende Vollzeitnorm wird durch intransparente All-in-Verträge regelmäßig ausgehöhlt. All-in-Verträge sollen nur mehr in Ausnahmefällen für Führungskräfte ab einem bestimmten Einkommen vereinbart werden können.


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