Kürzere Arbeitszeiten? Das schadet doch der Wirtschaft, lässt die Produktivität sinken und führt dazu, dass Österreich an Wettbewerbsfähigkeit verliert. Kritikpunkte wie diese hört man oft, wenn eine Verkürzung der Arbeitszeit diskutiert wird. Nicht nur heute, sondern bereits vor 50 Jahren. Denn so lange ist es bereits her, dass die 40-Stunden-Woche in Österreich eingeführt wurde. Seitdem hat sich die Arbeitswelt rasant verändert.
Die Produktivität hat sich verdoppelt – das heißt, wir erarbeiten jede Stunde doppelt so viel wie damals. Die Arbeitsbelastung ist damit enorm gestiegen: Bereits ein Drittel der Beschäftigten steht unter starkem oder sehr starkem Arbeitsdruck. Die Folge: 1,4 Millionen Beschäftigte können sich nicht vorstellen, ihren derzeitigen Job bis zur Pension durchzuhalten. Arbeiterkammer und Gewerkschaften sagen daher: Die Arbeitnehmer:innen brauchen dringend eine Entlastung und mehr Zeit für Erholung. Denn nur so können die Menschen gesund bis zur Pension arbeiten.
„Von kürzeren Arbeitszeiten profitieren sowohl die Beschäftigten als auch die Unternehmen. Entlastete und ausgeruhte Mitarbeiter:innen sind nicht nur gesünder und motivierter, sondern auch konzentrierter. Dadurch machen sie weniger Fehler und die Zahl an Unfällen sinkt“, bestätigt Sybille Pirklbauer, Leiterin der Abteilung Sozialpolitik der AK Wien.
Auch auf die Gesellschaft insgesamt würde sich die Arbeitszeitverkürzung positiv auswirken – zum Beispiel durch mehr Beschäftigte und weniger Arbeitslose aufgrund der besseren Verteilung der Arbeitszeit. Denn diese ist derzeit extrem schlecht verteilt. Während die einen mehr als 180 Millionen Mehr- und Überstunden stemmen müssen, würden andere gerne mehr arbeiten. 150.000 Menschen sind unfreiwillig in Teilzeit und mehr als 350.000 suchen Arbeit.
„Von kürzeren Arbeitszeiten profitieren sowohl die Beschäftigten als auch die Unternehmen.“
Sybille Pirklbauer, Leiterin der Abteilung Sozialpolitik der AK Wien
Vor allem von Seiten der Wirtschaft wird jedoch immer wieder die Frage laut: Wie sollen sich die Unternehmen das leisten? Ein Pilotversuch in Großbritannien, bei dem Unternehmen die Viertagewoche eingeführt haben, zeigt eines klar: Auch die Betriebe haben von der verkürzten Arbeitszeit profitiert. Neun von zehn Unternehmen, die am Pilotversuch teilgenommen haben, wollen daher weiterhin bei den kürzeren Arbeitszeiten bleiben. „Dieses Arbeitszeitmodell macht die Arbeitgeber attraktiver. Damit wird es für die Unternehmer nicht nur leichter, neue Fachkräfte zu finden. Auch die bestehenden Mitarbeiter:innen bleiben länger im Betrieb“, erklärt Pirklbauer.
Nachdem in Island und Irland ebenfalls bereits erfolgreiche Pilotversuche stattgefunden haben, testen nun auch Spanien, Portugal, Deutschland und die Schweiz die Viertagewoche. Und das über alle Branchen hinweg. Dass es funktioniert, zeigen auch erfolgreiche Beispiele in Österreich. Vom Marketingunternehmen zum Elektroinstallateur, vom Tierfutterproduzenten über Hotels bis zum Friseurbetrieb – sie alle haben freiwillig ihre Arbeitszeit verkürzt und damit zufriedenere, gesündere und motiviertere Mitarbeiter:innen gewonnen.
Handfeste Argumente für eine Arbeitszeitverkürzung liegen damit auf der Hand. Trotzdem ist es auch für Betriebsratsmitglieder nicht leicht, die Arbeitgeberseite davon zu überzeugen. Sybille Pirklbauer rät: „Empfehlenswert für die Unternehmen ist es, die verkürzte Arbeitszeit in einer Pilotphase – für ein halbes Jahr oder Jahr – zu testen und damit einen Schritt in diese Richtung zu machen. Wir als Arbeiterkammer und auch die Gewerkschaften unterstützen gerne dabei.“
Betriebsratsmitglieder sollten der Expertin zufolge Unternehmen vor allem darauf hinweisen, dass sie selbst von der Arbeitszeitverkürzung profitieren. „Ich kenne Beispiele von Betrieben, die mit höherem Gehalt versucht haben, Fachkräfte zu rekrutieren – ohne Erfolg. Erst mit kürzeren Arbeitszeiten ist es ihnen gelungen, mehr Bewerber:innen anzusprechen“, sagt Pirklbauer.
Die Broschüre „Kürzer arbeiten?“ der Arbeiterkammer Wien beleuchtet das Thema mit elf Antworten auf die häufigsten Fragen. Die Printversion kann über sp@akwien.at bestellt werden, als PDF steht die Broschüre auch zum Download bereit.