Julius-Jürgen Mayer, Betriebsrat bei Royal Canin © Markus Zahradnik
Portrait

BR Julius-Jürgen Mayer im Portrait: „Die Zeit der Kaiser ist vorbei“

Abstimmen dürfen die Arbeiter:innen bei Royal Canin nicht nur bei der Betriebs­rats­wahl. Auch wenn es um ihre Arbeits­be­din­gun­gen geht, zählt ihre Stimme. Der Betriebs­rat legt alle wich­tigen Ent­schei­dun­gen den Beschäf­tigten zur Ab­stim­mung vor. Betriebs­rats­vor­sitzen­der Julius-Jürgen Mayer sagt: „Die Zeit der Betriebs­rats­kaiser ist vorbei.“ 
in diesem Artikel
    Martina Fassler
    27.01.2023

    „Die Menschen lieben ihre Haustiere. In der Corona-Zeit haben sich noch mehr Familien ein Haustier zugelegt. Deshalb haben wir auf Hochdruck produziert und die Firma hat sich entschlossen, die Produktion weiter auszubauen“, erzählt Julius-Jürgen Mayer im AKtuell-Interview. „Die Firma“, das ist das Unternehmen Royal Canin im niederösterreichischen Bruck an der Leitha, ein Tochterunternehmen des französischen Mars-Konzerns. Royal Canin produziert Heimtiernahrung, allen voran Hunde- und Katzenfutter. Als Vorsitzender des Arbeiter:innen-Betriebsrats vertritt Julius die rund 300 Arbeiter:innen am Standort.

    Zuhören, was den Beschäftigten wichtig ist, Verhandlungsergebnisse präsentieren und diskutieren und die Belegschaft dann in geheimer Wahl über die vorgelegten Vorschläge abstimmen lassen. So arbeiten Julius und das Betriebsratsteam. Auf diese Weise wurde bei Royal Canin ein Arbeitszeitmodell eingeführt, das dem Unternehmen eine durchgängige Rund-um-die-Uhr Produktion ermöglicht. Und den Arbeiter:innen eine Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich brachte.

    Den Beschäftigten zuzuhören ist BR Jürgen-Julius Mayer wichtig. © Markus Zahradnik
    © Markus Zahradnik
    Den Beschäftigten zuzuhören ist BR Jürgen-Julius Mayer wichtig.

    Lohnkürzung als Auslöser für Engagement

    Julius-Jürgen Mayer ist ein „langgedienter“ Mitarbeiter von Royal Canin. Er absolvierte die Fachschule für Maschinenbau in Eisenstadt. Nach kurzem Intermezzo bei einem anderen Unternehmen startete Julius Mitte der 1990er Jahre seine Karriere als Operator im Bereich Verpackung. Und dachte zunächst nicht an ein Engagement im Betriebsrat. „Anfang der 2000er Jahre führte das Unternehmen ein neues Lohnschema ein, das langjährigen Beschäftigten eine Einkommens­einbuße bescherte. Auch mich traf das damals. Die Lohn­kürzung hat mich interessenpolitisch wachgeküsst“, erzählt Julius. Der damalige Betriebsrat habe die Beschäf­tigten gemeinsam mit der Geschäftsführung vor vollendete Tatsachen gesetzt. Nur relativ wenige Arbeiter:innen waren Gewerkschafts­mit­glied. Kampf­maßnahmen oder Nach­verhandlungen wurden keine angedacht. „Die Änderungen akzeptieren oder Gehen, so lautete die Auskunft“, erinnert sich Julius.

    Das Lohnminus, das Julius damals hinnehmen musste, war seine Motivation, bei den nächsten Betriebsrats­wahlen anzutreten. Und auch sich enger mit der Gewerkschaft zu vernetzen. Julius kandidierte, wurde in den Betriebsrat gewählt – und nutzte das umfassende Angebot an Schulungen von Gewerk­schaft und Arbeiterkammer. Mittlerweile ist Julius seit neun Jahren Betriebs­rats­vorsitzen­der.  In Seminaren von VOEGB und AK gibt er sein praxiserprobtes Wissen an Betriebsrät:innen weiter. Etwa zum Thema Organizing und zur Zusammenarbeit der Drei: AK, Gewerkschaft und Betriebsrat bringt er sich ein.

    Nicht werben, sondern gewinnen

    Eine der Aktivitäten, die Julius und sein Team im Betrieb gesetzt haben, um ihre Kampfkraft zu stärken, war die Gewinnung von Gewerk­schafts­mit­gliedern. „Wir erzählen den neuen Kolleg:innen, was die Gewerk­schaft für uns alles erkämpft hat – vom Urlaubs- und Weihnachts­geld bis zum Kollektiv­vertrag. Und auch, was wir selbst in den letzten Jahren mithilfe der Gewerk­schaft erreicht haben. Unser Motto lautet: neue Gewerk­schafts­mit­glieder nicht nur zu werben, sondern auch ihr Herz für die gemein­same Sache zu gewinnen“, berichtet Julius.

    "Unser Motto lautet: neue Gewerk­­schafts­­mit­glie­der nicht nur zu wer­ben, son­dern auch ihr Herz für die ge­mein­­sa­me Sa­che zu ge­win­nen."

    Julius-Jürgen Mayer, Betriebs­rats­vor­sitzen­der Royal Canin

    Arbeitszeitverkürzung bringt neue Jobs  

    Beim Aus­handeln des neuen Fünf-Schicht-Modells zog der Betriebs­rat einen ausgewiesenen Arbeitszeit­experten der Gewerk­schaft PRO-GE mit ein. „So hatte nicht nur die Arbeitgeberseite fachkundige Expert:innen, sondern auch wir einen Experten zur Seite, der unsere Branche kennt und dem wir vertrauen konnten.“ Am Ende standen drei ver­schie­dene Arbeitszeitmodelle zur Auswahl. Die Beleg­schaft stimmte darüber ab und entschied sich mit 75 Prozent Zu­stimmung für das aktuelle Modell. 

    Die Arbeiter:innen profitieren bei diesem Modell von einer Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich von 38,5 Stunden auf 33,6 Stunden. Das Unternehmen von einem durchgängigen Betrieb rund um die Uhr, Arbeit an Wochenenden miteingeschlossen. Die Einführung der fünften Schicht führte dazu, dass auch 50 zusätzliche Arbeitsplätze entstanden. „Bei der Besetzung dieser Stellen hat die Geschäftsführung gesehen, dass es gar nicht so einfach ist, passende Fachkräfte zu finden. Die haben wir mittlerweile. Zugleich konnten wir die Geschäftsführung dazu bewegen, erstmals auch Lehrlinge auszubilden“, ist Julius erfreut.


    „Aus Fehlern lernt man“, scheut sich Julius nicht davor, einzugestehen, dass trotz sorg­fältiger Pla­nung und Ver­hand­lungen manchmal nachgebessert werden muss. So hat sich gezeigt, dass wegen des Hochbetriebs im Sommer nicht alle Arbeiter:innen, die das wollten, Urlaub nehmen konnten. Gemein­sam mit der Geschäfts­führung hat das Betriebs­rats­team deshalb eine generelle Rege­lung für den Urlaub ausverhandelt. Die Belegschaft konnte sich abermals aus zwei verschie­denen Varianten  ihr Modell per geheimer Ab­stimmung auswählen. Dieses gilt nun und ermöglicht es allen, im Sommer zumindest zwei Wochen am Stück frei­zubekommen.

    Kritische Köpfe sind willkommen

    Nicht alles, was Julius und sein Team ausprobieren, stößt immer auf volle Zu­stimmung. „Wir verwenden die Betriebs­rats-App des ÖGB, um über Neues im Betrieb zu informieren. Die Kolleg:innen können uns auch direkt über die App kontak­tieren. Ein Kollege hat mich auf diesem Weg mehrfach auf Recht­schreib­fehler hingewiesen, die ich gemacht habe. Erst habe ich mich ein bisschen geärgert. Dann habe ich ihn gefragt, ob er uns unterstützen und mitarbeiten will. Dank seiner Hilfe sind unsere Texte jetzt anspre­chender und die Recht­schreibung passt.“

    Was es für gute Betriebsratsarbeit braucht

    Betriebsräte stärken die Demo­kratie. Wer im Unter­nehmen merkt, dass seine Stim­me zählt und er oder sie ernst genommen wird, beteiligt sich auch eher an anderen Wahlen. Doch die An­for­derungen an die Betriebs­rats­teams werden immer komplexer. „Egal, ob man nun 80 Beschäftigte vertritt oder 150: Wenn man nicht im stillen Kammerl sitzt, sondern die Mit­bestimmung im Betrieb aktiv lebt, ist das ein Riesenaufwand“, sagt Julius-Jürgen Mayer. Er unter­stützt deshalb die Forderung von AK und ÖGB nach mehr Freistellungs­mög­lichkeiten für Betriebs­räte, auch schon bei geringeren Beschäf­tigungs­zahlen. Zudem sollten auch Ersatz-Betriebsrät:innen einen eigenen Anspruch auf Bil­dungs­frei­stellung haben. 
    „Wer die Seminare und Kurse besucht, profitiert mehrfach. Das Wissen, das man erwirbt. Der Aus­tausch und die Ver­netzung mit anderen Betriebs­rät:innen, die einen auf neue Ideen bringt. Und das Kennen­lernen von ausgewiesenen Expert:innen aus den Gewerkschaften und der Arbeiter­kammer. Auf diese Weise gewinnt man ein Netz­werk, das stärkt und auch im Not­fall gemein­sam mit dir an einem Strang zieht“, ist Julius-Jürgen Mayer überzeugt.


    Webtipp

    Tipp Symbolbild © AK Wien

    MeinBR-App

    Die MeinBR-App bietet Betriebsrät:innen maßgeschneiderte Funktionen für die flexible, sichere und unabhängige Kom­muni­ka­tion mit der Beleg­schaft.

     

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