Markus Marterbauer: Ja, die Menschen arbeiten bei verkürzter Arbeitszeit produktiver. Tatsache ist: Ein Viertel der Vollzeit-Beschäftigten will weniger Stunden arbeiten, und ein Viertel der Teilzeit-Beschäftigten will aufstocken. Wir wollten abschätzen lassen, welche gesamtwirtschaftlichen Folgen das hat. Das Ergebnis: Die gesamtwirtschaftlichen Effekte sind weder in die positive noch in die negative Richtung stark. Es bringt ein bisschen mehr Beschäftigung, Produktivität und Preise und ein bisschen weniger Produktion.
Damit spricht nichts dagegen, die Wünsche der Beschäftigten nach passenden Arbeitszeiten umzusetzen. Das muss im Mittelpunkt stehen, weil es die Lebensbedingungen der Menschen verbessert. Aufgabe der Wirtschaft ist es ja nicht, die Leute in überlange Arbeitszeiten zu pressen, etwa indem Überstunden steuerlich begünstigt werden. Wir brauchen eine menschenfreundliche Arbeitszeitpolitik und eine Wirtschaftspolitik, die es etwa Beschäftigten aus schlechten Jobs ermöglicht, in gute Beschäftigung zu wechseln. Besonders bei Arbeitskräfteknappheit wäre das notwendig und würde großen Wohlstandsgewinn bedeuten.
Markus Marterbauer, AK Wien
Markus Marterbauer: Manche Unternehmerlobbys haben noch nicht realisiert, was Arbeitskräfteknappheit bedeutet. Dadurch verschiebt sich die Macht zu den Beschäftigten: Nun können sie sich aussuchen, zu welchen Bedingungen sie arbeiten. Hätten wir eine sehr hohe Arbeitslosigkeit und kämen zehn Arbeitslose auf eine offene Stelle, wäre es schwierig für die Beschäftigten, sie wären auf der kürzeren Seite. Also dass sich die Unternehmen gerade jetzt stärker an den Wünschen der Beschäftigten ausrichten müssen, ist noch nicht ganz durchgedrungen.
Markus Marterbauer: Arbeitszeitverkürzung ist nur bei Knappheit möglich. Dann sind Beschäftigte und Arbeitnehmer:innenvertretungen stark genug, sie auch durchzusetzen. In der ersten Hälfte der 70-er-Jahren kamen auf eine offene Stelle 0,4 Arbeitslose, heute sind es 2,1. Und Österreich war wirtschaftlich auf der Überholspur, die Kosten waren verkraftbar. Arbeitszeitverkürzung hat immer zur Wohlstandsverbesserung für die arbeitende Bevölkerung geführt. Aber jedes Mal haben die Arbeitgeber:innen Zeter und Mordio geschrien, nie ist die Wirtschaft zusammengebrochen – sonst hätten wir schon lange keine mehr.
Zweitens finden die Unternehmen, die sich den Wünschen der Beschäftigten anpassen, am ehesten welche. Die innovativen Betriebe, die sich neue Schichtpläne überlegen, die Arbeit besser einteilen, Teilzeitkräften mehr Stunden geben, neue Gruppen am Arbeitsmarkt ansprechen – die werden sich durchsetzen. Jene, die sagen, es muss alles so bleiben wie in den 50-er-Jahren, werden keine Arbeitskräfte mehr kriegen. Arbeitszeitverkürzung ist mit wirtschaftlichem Erfolg verbindbar: Sie beschleunigt unseren Strukturwandel, von dem wir alle profitieren.
Drittens haben wir enorme Arbeitskräftepotenziale, nämlich viele Beschäftigte in schlechten Jobs. 2021 gab es zwischen 520.000 und 650.000 Vollzeit-Arbeitende, die unter 2000 Euro brutto verdienen. Die sollten rasch in gute Beschäftigung in der Industrie, aber auch in viele Dienstleistungsbranchen wechseln. Die Arbeitszeitverkürzung würde nochmals den Druck erhöhen auf die Unternehmen, dass sie Beschäftigte im Betrieb durch attraktive Arbeitszeiten binden.
Hier findest du die WIFO-Studie "Makroökonomische Effekte einer Arbeitszeitanpassung in Österreich"
Markus Marterbauer: Das Bild der Ansteckung gefällt mir sehr gut. Verkürzung der Arbeitszeit ist auf verschiedenste Arten möglich, durch mehr Urlaub, weniger Stunden oder Tage pro Woche; interessant ist speziell die Freizeitoption, die es schon in vielen Kollektivverträgen gibt. Das alles wird die österreichischen Betriebe nicht unberührt lassen. Auch bei den Beschäftigten wird es diesen Ansteckungseffekt geben: Derzeit wünscht ein Viertel der Vollzeitbeschäftigten kürzere Arbeitszeit, das wird rasch mehr werden.
In Neuseeland haben Betriebe mit der Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich familienfreundlichere Arbeitsplätze geschaffen – und den Wert der Frauen als Beschäftigte zu schätzen gelernt: Sie sind die besten Managerinnen der Welt, weil gewohnt, vieles unter einen Hut zu bringen. Mit flexiblen Rahmenbedingungen ist das für alle effizient. Es lohnt sich enorm auch für die Betriebe und ist eine Win-Win-Situation.
Markus Marterbauer: Das ist ein ganz wichtiger Punkt in der Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern und Partnerschaften. Viele Vollzeit arbeitende Männer würden gerne reduzieren, viele Teilzeit arbeitende Frauen möchten aufstocken, Voraussetzung ist eine gerechtere Aufteilung der Care-Arbeit. In der Debatte geht es nie nur um Arbeitszeitverkürzung! Wenn es Frauen gelänge, auf 30 Stunden zu erhöhen, bedeutete das für sie ein Drittel mehr Einkommen. Die Sorge-Arbeit gehört zum menschlichen Leben genauso dazu wie die Erwerbsarbeit. Das muss zusammenspielen. In diesem Sinn sind sie kommunizierende Gefäße, beides ist zu ermöglichen und wohlstandssteigernd.
Markus Marterbauer: Es gibt andere Untersuchungen, dass überlange Arbeitszeiten zu gesundheitlichen Belastungen und hohen sozialen Kosten führen. In Österreich haben wir Arbeitskräfteknappheit gerade in den Bereichen mit mehr als 40 Wochenstunden, weil die Leute ausbrennen. 30 Jahre in der Pflege zu arbeiten, ist für viele unmöglich vorstellbar. Daher müssen wir da Bedingungen schaffen, damit die Beschäftigten den Job gesund durchstehen. Bei den vorletzten Kollektivvertragsverhandlungen gab es in dieser Branche nicht die Forderung nach höherem Gehalt, sondern nach Arbeitszeitverkürzung auf 35 Wochenstunden.
Markus Marterbauer: Ich glaube, dass wir innerhalb der nächsten zehn Jahre merkliche Veränderungen sehen werden. Da wird nicht nur auf der individuellen Ebene viel passieren, sondern auch auf der kollektiven. Sei es gesetzlich durch eine sechste Urlaubswoche oder kollektivvertraglich in Richtung 30 Stunden.
Dein Unternehmen plant die wöchentliche Arbeitszeit zu verkürzen oder hat das bereits getan? Falls ja, dann melde dich bei uns. Die AK Wien tritt für eine gesetzliche Arbeitszeitverkürzung ein und sucht Betriebe, in denen kürzer arbeiten bereits Wirklichkeit ist oder bald werden soll. Wir möchten zeigen, dass die Verkürzung der Arbeitszeit sowohl für Betriebe als auch die Beschäftigten ein Erfolgsrezept ist.
Falls du also Interesse hast, dein Unternehmen in Sachen kürzer arbeiten vor den Vorhang zu holen, melde dich bitte bei uns. Idealerweise mit den relevanten Eckdaten (Betriebssparte, Umfang der Verkürzung, Anzahl der Mitarbeiter:innen im Betrieb).
Einfach Mail an Timon Pfleger aus der Abteilung Sozialpolitik in der AK Wien: timon.pfleger@akwien.at
Wir freuen uns auf deine Nachricht.