Für die Hotelgäste war immer alles blitzsauber. Dass die 20 Personen, die die Zimmer reinigten, jedoch monatelang nicht bezahlt wurden und für Überstunden keinen einzigen Cent sahen, flog erst auf, als die Arbeiterkammer nachforschte. Ans Licht kam ein kaum durchschaubares Geflecht von Subfirmen. Einige waren schon insolvent oder zu Scheinfirmen erklärt, bevor die AK das Geld für die Beschäftigten geltend machen konnte. Die Höhe des Gesamtschadens steht noch aus. Es dauert Monate, um einen Fall wie diesen aufzuklären.
Und dieser Fall ist nur einer von 57, die von der Stabsstelle für Betrugsbekämpfung der AK Wien im ersten Halbjahr 2026 zur Anzeige gebracht wurden. Es ging um ausstehende Löhne von insgesamt 3,6 Millionen Euro. Etwa 500 Beschäftigte mussten oft wochenlang auf ihr Geld warten. Vor fast drei Jahren hat die Arbeiterkammer die Stabsstelle eingerichtet. Denn die immer raffinierteren Betrugsmethoden erfordern eine konzertierte und spezialisierte Bekämpfung.
AK Juristin Andrea Ebner-Pfeifer hat die Stabsstelle mitaufgebaut: „Lohn- und Sozialbetrug ist längst kein Randphänomen mehr, das sich auf einschlägige Branchen wie den Bau beschränkt“, sagt sie.
Durch Lohn- und Sozialbetrug entgehen dem Staat Steuern, die dann für staatliche Aufgaben wie Gesundheitsversorgung oder die Schulen fehlen. Dazu kommen Sozialbeiträge, die durch betrügerisch handelnde Firmen unterschlagen werden. Auf rund 500 Millionen Euro schätzt die Finanzpolizei für das Jahr 2025 den Schaden – sehr viel Geld, wenn in Zeiten knapper Staatskassen fast überall gekürzt wird.
Eine beliebte Masche ist das „Geschäftsmodell Insolvenz“: Bevor ausstehende Lohnforderungen geltend gemacht werden, geht die Firma pleite. Dann springt der Insolvenz Entgelt-Fonds ein, also wieder die Allgemeinheit.
Ein Fall, den die AK Stabsstelle für Betrugsbekämpfung im vergangenen Halbjahr aufdeckte: Ein Unternehmen beschäftigte unter wechselnden Firmennamen immer dieselben Bauarbeiter, bezahlte diese nicht, ging in Insolvenz und ließ den Insolvenz-Entgelt-Fonds zahlen. Dann wurde die Firma unter anderem Namen neuge gründet und das Spiel ging mit derselben Geschäftsführung an der Spitze wieder los. Der Schaden in diesem Fall: über 800.000 Euro.
„Wir dürfen nicht zulassen, dass unser noch gutes Lohngefüge immer weiter unter Druck gerät.“
Andrea Ebner-Pfeifer, AK Wien
Undurchsichtig werden Firmenkonstrukte durch die Weitergabe von Aufträgen an Subunternehmen. In einem Musterverfahren im Zusammenhang mit einem öffentlichen Auftrag konnte die AK die Haftung des Auftraggebers für die ausstehenden Löhne des von ihm beschäftigten Subunternehmens einklagen. Dieser Erfolg zeigt, was sich ändern muss: „Lange Subunternehmer-Ketten verschleiern die Verantwortung für Lohnbetrug systematisch längst nicht nur im Baubereich. Deshalb muss die Erstauftragnehmer Haftung eingeführt werden“, fordert Ebner-Pfeifer.
Darüber hinaus setzt sich die AK für mehr Personal bei der Finanzpolizei und wirksame Strafen ein. Derzeit zahlt eine Firma, die neun Beschäftigte um ihren Lohn betrügt, dieselbe Strafe wie eine Firma, die nur einen Mitarbeiter nicht fair bezahlt. „Das führt dazu, dass mehrfacher Lohnbetrug quasi aus der Portokasse bezahlt werden kann. Das muss sich ändern“, so Ebner-Pfeifer.
In großen Unternehmen mit Betriebsrat ist Lohnbetrug selten. Allerdings: „Was die schwarzen Schafe einer Branche machen, gefährdet auch die, bei denen eigentlich alles in Ordnung ist“, sagt die Juristin. Denn wer Lohnbetrug begeht, unterbietet die fair zahlende Konkurrenz mit Dumping-Preisen.
Ebner-Pfeifer findet deshalb, dass Betriebsratsmitglieder, die ihre Branche gut kennen, ruhig auch melden sollten, wenn etwas verdächtig ist. „Bei der Finanzpolizei, aber auch bei der AK Stabsstelle, ist das anonym möglich. Wir dürfen nicht zulassen, dass unser noch gutes Lohngefüge immer weiter unter Druck gerät.“