Mit Geldkoffer davonlaufende Person zum Thema Lohn- und Sozialbetrug © freepik


Weitblick

Lohn- und Sozialbetrug geht auf Kosten aller

Die Stabs­stelle für Betrugs­bekämpfung der AK Wien warnt vor immer perfideren Betrugs­methoden – und fordert wirk­same Kontrollen sowie spürbare Strafen.

Ute  Bösinger
13.10.2026
in diesem Artikel



    in aller kürze

    Lohn- und Sozial­betrug: Zahlen, Folgen und Gegen­maß­nahmen

    • In der AK Wien gibt es seit Ende 2023 eine eigene Stabs­stelle für Betrugs­bekämpfung
    • Im ersten Halbjahr 2026 wurden bei der AK Wien 57 Fälle mit 3,6 Millionen Euro offenen Löhnen eingebracht. 
    • Den Gesamt­schaden durch Lohn- und Sozial­betrug schätzt die Finanzpolizei für 2025 auf rund 500 Millionen Euro. 
    • Die AK fordert mehr Kontrollen, klare Haftung und wirk­same Strafen.

    Für die Hotelgäste war immer alles blitzsauber. Dass die 20 Personen, die die Zimmer reinigten, jedoch monate­lang nicht bezahlt wurden und für Über­stunden keinen einzigen Cent sahen, flog erst auf, als die Arbeiter­kammer nachforschte. Ans Licht kam ein kaum durch­schaubares Geflecht von Subfirmen. Einige waren schon insolvent oder zu Schein­firmen erklärt, bevor die AK das Geld für die Beschäftigten geltend machen konnte. Die Höhe des Gesamt­schadens steht noch aus. Es dauert Monate, um einen Fall wie diesen aufzuklären.

    Lohn- und Sozialbetrug ist kein Rand­phänomen

    Und dieser Fall ist nur einer von 57, die von der Stabsstelle für Betrugs­bekämpfung der AK Wien im ersten Halbjahr 2026 zur Anzeige gebracht wurden. Es ging um ausstehende Löhne von insgesamt 3,6 Millionen Euro. Etwa 500 Beschäftigte mussten oft wochenlang auf ihr Geld warten. Vor fast drei Jahren hat die Arbeiter­kammer die Stabsstelle eingerichtet. Denn die immer raffinierteren Betrugs­methoden erfordern eine konzertierte und spezialisierte Bekämpfung.

    AK Juristin Andrea Ebner-Pfeifer hat die Stabsstelle mitaufgebaut: „Lohn- und Sozialbetrug ist längst kein Randphänomen mehr, das sich auf einschlägige Branchen wie den Bau beschränkt“, sagt sie.

    Durch Lohn- und Sozial­betrug entgehen dem Staat Steuern, die dann für staatliche Aufgaben wie Gesundheits­versorgung oder die Schulen fehlen. Dazu kommen Sozialbeiträge, die durch betrügerisch handelnde Firmen unter­schlagen werden. Auf rund 500 Millionen Euro schätzt die Finanzpolizei für das Jahr 2025 den Schaden – sehr viel Geld, wenn in Zeiten knapper Staats­kassen fast überall gekürzt wird.
     

    Wie funktioniert das „Geschäfts­modell Insolvenz“?

    Eine beliebte Masche ist das „Geschäfts­modell Insolvenz“: Bevor ausstehende Lohn­forderungen geltend gemacht werden, geht die Firma pleite. Dann springt der Insolvenz Entgelt-Fonds ein, also wieder die Allgemeinheit.

    Ein Fall, den die AK Stabsstelle für Betrugs­bekämpfung im ver­gangenen Halbjahr aufdeckte: Ein Unternehmen beschäftigte unter wechselnden Firmen­namen immer dieselben Bauarbeiter, bezahlte diese nicht, ging in Insolvenz und ließ den Insolvenz-Entgelt-Fonds zahlen. Dann wurde die Firma unter anderem Namen neuge gründet und das Spiel ging mit derselben Geschäfts­führung an der Spitze wieder los. Der Schaden in diesem Fall: über 800.000 Euro.



    Andrea Ebner-Pfeifer, AK Stabsstelle für Betrugsbekämpfung © Lisi Specht
    Andrea Ebner-Pfeifer, AK Stabsstelle für Betrugsbekämpfung © Lisi Specht

    „Wir dürfen nicht zu­lassen, dass unser noch gutes Lohn­gefüge immer weiter unter Druck gerät.“


    Andrea Ebner-Pfeifer, AK Wien

    AK fordert Erst­auftrag­nehmer-Haftung

    Undurch­sichtig werden Firmen­konstrukte durch die Weiter­gabe von Aufträgen an Sub­unternehmen. In einem Muster­verfahren im Zusammen­hang mit einem öffentlichen Auftrag konnte die AK die Haftung des Auftraggebers für die ausstehenden Löhne des von ihm beschäftigten Sub­unternehmens einklagen. Dieser Erfolg zeigt, was sich ändern muss: „Lange Sub­unternehmer-Ketten verschleiern die Verantwortung für Lohnbetrug systematisch längst nicht nur im Baubereich. Deshalb muss die Erst­auftrag­nehmer Haftung eingeführt werden“, fordert Ebner-Pfeifer.

    Darüber hinaus setzt sich die AK für mehr Personal bei der Finanzpolizei und wirksame Strafen ein. Derzeit zahlt eine Firma, die neun Beschäftigte um ihren Lohn betrügt, dieselbe Strafe wie eine Firma, die nur einen Mitarbeiter nicht fair bezahlt. „Das führt dazu, dass mehrfacher Lohnbetrug quasi aus der Porto­kasse bezahlt werden kann. Das muss sich ändern“, so Ebner-Pfeifer.

    Wie Lohn­betrug faire Unternehmen unter Druck setzt

    In großen Unter­nehmen mit Betriebsrat ist Lohnbetrug selten. Allerdings: „Was die schwarzen Schafe einer Branche machen, gefährdet auch die, bei denen eigentlich alles in Ordnung ist“, sagt die Juristin. Denn wer Lohnbetrug begeht, unterbietet die fair zahlende Konkurrenz mit Dumping-Preisen.

    Ebner-Pfeifer findet deshalb, dass Betriebs­rats­mitglieder, die ihre Branche gut kennen, ruhig auch melden sollten, wenn etwas verdächtig ist. „Bei der Finanz­polizei, aber auch bei der AK Stabs­stelle, ist das anonym möglich. Wir dürfen nicht zulassen, dass unser noch gutes Lohngefüge immer weiter unter Druck gerät.“


    gut zu wissen

    Was können Betriebs­rät:innen gegen Lohn- und Sozial­betrug tun? 

    1. In Unter­nehmen mit Betriebsrat sind die Beschäftigten vor Lohnbetrug meist gut geschützt. Aber durch den Einsatz von Leih­arbeits­kräften können gute Lohn- und Sozial­standards unterlaufen werden. Betriebs­vereinbarungen können hier Mindest­standards sichern.

    2. Betriebs­rät:innen kennen ihre Branche gut. Bei Verdacht auf Schwarzarbeit oder Sozialbetrug kann die Finanzpolizei auch anonym informiert werden. Wenn Arbeit­nehmer:innen­schutz-Bestimmungen unter­laufen werden, ist das Arbeits­inspektorat zuständig. Auch die Arbeiter­kammer nimmt Hinweise gerne entgegen: betrugsbekaempfung@akwien.at