Gabriela Eder und Birgit Kaipl zum Thema Pensionen © Markus Zahradnik


Pensionen

Pension: Arbeiten bis 65 ist genug

Gabriela Eder freut sich auf ihre Pension. Ihre Kollegin Birgit Kaipl hat bis dahin noch zehn Jahre. Beide arbeiten seit vielen Jahren in der Reinigung und wissen: Wer bis zur Pension arbeiten soll, braucht Arbeits­bedingungen, die das auch möglich machen.

Christine Newald
07.10.2026
in diesem Artikel



    in aller kürze

    Gesund in Pension:

    • In vielen Berufen, etwa in der Reinigung, ist Arbeiten bis 65 schwer bis gar nicht möglich.

    • Damit Menschen gesund bis zur Pension arbeiten können, müssen sich Arbeitsplätze und Berufe stärker an Menschen anpassen.

    • Gemeinsam mit den Beschäftigten kann der Betriebsrat Probleme aufzeigen und Veränderungen bei Arbeits­zeit, Arbeits­organisation und Arbeits­schutz einfordern.

    • Teilzeit rächt sich in der Pension durch niedrigere Pensions­ansprüche.

    • Die AK fordert keine weitere Anhebung des gesetzlichen Pensions­­antritts­­alters sowie Maßnahmen gegen Alters­diskriminierung, mehr Kündigungs­schutz im Kranken­stand und bessere Anrechnung von Kinder­betreuungs­zeiten.

    Gabriela Eder ist gerade Oma geworden. Stolz zeigt sie eine kleine Box mit Babykleidung – winzige Socken, einen Strampler, ein Kuscheltier und ein Hand­tuch. Sie hat vor über drei Jahrzehnten bei ISS Facility Services als Reinigungs­kraft begonnen. Seit 2001 ist sie Betriebsrätin, seit 2007 freigestellt und seit 2013 Betriebsrats­vorsitzende. Im August 2027 geht sie mit 62 Jahren in Pension. Angst vor dem Ruhestand? Gabriela Eder lacht. „Sicher nicht! Die neue Aufgabe als Oma wartet schon. Da wird mir nicht lang­weilig!“

    Ihre Kollegin Birgit Kaipl ist 55 Jahre alt und hat noch ungefähr zehn Jahre bis zum Ruhestand. „Manchmal mache ich mir schon Gedanken, weil ich nicht weiß, was die Zukunft bringt und die Politik noch vorhat.“ Gerade in der Reinigung gebe es kaum Kolleg:innen, die es bis 65 schaffen. „Arbeiten bis 70? Keine Chance!“

    Was macht Schwerarbeit mit dem Körper? 

    Ihre Sorge ist auch, ob das Geld später reichen wird. Birgit Kaipl hat viele Jahre in Teilzeit gearbeitet – unter anderem zehn Jahre als Reinigungs­kraft in einer Therme. „Das war für mich praktisch, weil ich mehr Zeit zu Hause hatte und meine Kinder groß­ziehen konnte.“

    Als Reinigungs­kraft bis 65 zu arbeiten – das ist für viele schwer bis gar nicht möglich. Die Arbeit geht an die Substanz. Rücken, Füße, Knie und Hände sind belastet. Gabriela Eder zeigt mir ihre Handgelenke. An beiden sind Operations­narben zu sehen. Sie musste wegen eines Karpal­tunnel­syndroms operiert werden. „Das kommt vom dauernden Auswringen der Putzfetzen“, sagt sie. „Viele von uns haben das.“

    Heute arbeitet Gabriela Eder als freigestellte Betriebsrats­vorsitzende, bis zum Ende der Periode nächstes Jahr bleibt sie noch im Dienst. Das, sagt sie, ist für sie gut machbar. Als Reinigungs­kraft wäre es längst zu anstrengend.

    Maschinen können die Arbeit erleichtern – vorausgesetzt, sie funktionieren und erreichen auch alle Stellen, die gereinigt werden müssen. Wo das nicht möglich ist, bleibt die Handarbeit. Besonders heraus­fordernd ist die Reinigung in Kranken­häusern und Pflege­einrichtungen. Dort kommen Infektions­risiken, Stich­verletzungen, Maschinen­unfälle oder rutschige Böden hinzu.


    Ines Stilling, Bereichsleiterin Soziales der AK Wien © Lisi Specht
    Ines Stilling, Bereichsleiterin Soziales der AK Wien © Lisi Specht

    „Die Frage darf nicht nur sein, wie lange Men­schen ar­bei­ten sollen. Ent­schei­dend ist, unter wel­chen Be­din­gun­gen sie das kön­nen.“


    Ines Stilling, Bereichsleiterin Soziales, AK Wien

    Hoher Zeitdruck in der Reinigung

    Ein Problem ist auch, wie Arbeit organisiert wird. Reinigungs­firmen wie ISS arbeiten für Kund:innen in Büro­gebäuden, Kranken­häusern und Pflege­einrichtungen. Gerade in Büros wird häufig früh am Morgen oder am Abend gereinigt. Für Beschäftigte bedeutet das oft geteilte Dienste: arbeiten, nach Hause gehen und später wieder­kommen.

    Dazu kommt der enorme Zeitdruck. Kund:innen wollen möglichst wenig Einschränkungen – die Reinigung soll am besten unsichtbar passieren. Bei Aus­schreibungen werden Minuten und Sekunden herunter­gerechnet, Flächen und Arbeits­zeiten genau kalkuliert. „Der Druck ist immens“, sagt Gabriela Eder. Das wirkt sich auch auf die Zahl der Beschäftigten aus. Birgit Kaipl kennt das aus ihrer Zeit in der Therme: „Die Therme ist nicht kleiner geworden, aber die Zahl der Beschäftigten hat sich in der Zwischen­zeit halbiert.“

    Wie kann alterns­gerechtes Arbeiten bis zur Pension gelingen?

    „Die Frage darf nicht nur sein, wie lange Menschen arbeiten sollen. Entscheidend ist, unter welchen Bedingungen sie das können“, sagt Ines Stilling, Bereichs­leiterin Soziales der AK Wien. Menschen müssten in ihrem Beruf gesund bis zur Pension arbeiten können. Dafür müssen sich Arbeits­plätze und Berufe stärker an die Menschen anpassen: durch technische Hilfsmittel, andere Aufgaben und Möglich­keiten zur Weiter­entwicklung. „Berufe müssen durchlässiger werden“, sagt Stilling.

    In der Reinigung sieht sie bei den Arbeits­zeiten Handlungs­bedarf. Geteilte Dienste seien anstrengend und machten es oft schwer, Vollzeit zu arbeiten. „Diese geteilten Dienste sollte es so nicht mehr geben.“

    Betriebs­rät:innen können gemeinsam mit Arbeit­gebern neue Arbeits­zeit- und Entgelt­modelle verhandeln, die zusammen­hängende Arbeits­zeiten und ausreichend Erholung möglich machen. Auch die ent­sprechende Abgeltung von Mehr­stunden sei wichtig. Hier sind die Auftrag­gebenden gefordert: Die Rand­zeiten entstehen häufig aufgrund ihrer Vorgaben.

    Ebenso müssen Unter­nehmen stärker in die Pflicht genommen werden. „Viele finden ja bereits mit 55 keine Arbeit mehr, weil sie angeblich zu alt sind“, sagt Stilling. Sie fordert deshalb ein Bonus-Malus-System für die Beschäftigung älterer Arbeit­nehmer:innen. Bei besonders belastenden Berufen muss genauer hin­geschaut werden, ob besondere Regelungen – wie etwa eine Ausweitung der Schwer­arbeits­pension – notwendig sind.


    webtipp

    Tipp Symbolbild © AK Wien

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    Wie wirkt sich Teilzeit auf die Pension aus?

    Für Frauen beginnt die Pensionsfrage lange vor dem tatsächlichen Pensions­antritt. Birgit Kaipl hat viele Jahre in Teilzeit gearbeitet. Was praktisch war, kann bei der Pension schnell zum Nachteil werden: Weniger Arbeitszeit bedeutet weniger Einkommen und damit auch niedrigere Pensions­ansprüche. Dazu kommen Unter­brechungen durch Kinder­betreuung und die nach wie vor ungleiche Verteilung unbezahlter Sorgearbeit.


    Was kann der Betriebsrat für gesundes Arbeiten bis zur Pension tun?

    Gemein­sam mit den Beschäftigten kann der Betriebsrat Probleme aufzeigen und Veränderungen bei Arbeitszeit, Arbeits­organisation und Arbeits­schutz einfordern. Gleichzeitig kann er darauf achten, dass die gesetzlichen Vorgaben eingehalten werden und die notwendige Ausstattung vorhanden ist. Für Gabriela Eder ist genau das der Grund, warum sie seit 2001 Betriebsrätin ist: „Man weiß, dass man den Leuten hilft.“

    Betriebs­rät:innen sind auch die Anlaufstelle, wenn Beschäftigte Probleme haben oder ihre Rechte nicht kennen. Eder und Kaipl raten deshalb: „Unterschreib nichts, ruf uns vorher an. Nimm die Unterlagen mit nach Hause.“ Auch Weiter­bildung kann ein Thema für die Belegschafts­vertretung sein. Deutschkurse oder andere Qualifizierungen können Beschäftigten neue Möglichkeiten eröffnen. Gleichzeitig wissen die beiden Betriebs­rät:innen, dass gerade Menschen mit niedrigen Einkommen oft wenig Zeit und Geld dafür haben.


    Eine Betriebsrat-Übergabe für die Zukunft

    Für Gabriela Eder rückt die Pension näher. Im kommenden Herbst steht die nächste Betriebs­rats­wahl an. Sie hat zwei Stell­vertreter:innen und will ihre Aufgaben gewissenhaft übergeben. „Ich freue mich, wenn ich weiß: Ich habe meine Agenden gut übergeben.“

    Birgit Kaipl wird künftig mehr Verantwortung übernehmen. Sie will sich „zu 100 Pro¬zent einsetzen und nichts unerledigt lassen“, sagt sie. Einen Wunsch hat sie trotzdem noch: „Für unsere Leute wünsche ich mir mehr Geld.“ Gabriela Eder nickt. „Ja, das kann ich so unterschreiben!“


    gut zu wissen

    Pensionen: Das fordert die AK


    1. Pensions­antrittsalter: 65 Jahre sind genug
      Kein höheres gesetzliches Pensions­antrittsalter. Menschen sollen bis 65 im Beruf gehalten werden. 

    2. Bonus-Malus-System gegen Alters­diskriminierung 
      Betriebe, die ältere Beschäftigte einstellen und halten, sollen belohnt werden; Betriebe, die das nicht tun, müssen Ausgleichs­zahlungen leisten. 

    3. Krankheit ist kein Kündigungsgrund
      Beschäftigte sollen bei Krankheit besser geschützt werden. 
       
    4. Bessere Anrechnung von Kinder­erziehungs­zeiten 
      Familien­planung darf kein Ticket in die Alters­armut sein. Deshalb: Ein faires Stufen­modell mit acht statt vier Jahren Gut­schrift auf dem Pensions­konto.