Gabriela Eder ist gerade Oma geworden. Stolz zeigt sie eine kleine Box mit Babykleidung – winzige Socken, einen Strampler, ein Kuscheltier und ein Handtuch. Sie hat vor über drei Jahrzehnten bei ISS Facility Services als Reinigungskraft begonnen. Seit 2001 ist sie Betriebsrätin, seit 2007 freigestellt und seit 2013 Betriebsratsvorsitzende. Im August 2027 geht sie mit 62 Jahren in Pension. Angst vor dem Ruhestand? Gabriela Eder lacht. „Sicher nicht! Die neue Aufgabe als Oma wartet schon. Da wird mir nicht langweilig!“
Ihre Kollegin Birgit Kaipl ist 55 Jahre alt und hat noch ungefähr zehn Jahre bis zum Ruhestand. „Manchmal mache ich mir schon Gedanken, weil ich nicht weiß, was die Zukunft bringt und die Politik noch vorhat.“ Gerade in der Reinigung gebe es kaum Kolleg:innen, die es bis 65 schaffen. „Arbeiten bis 70? Keine Chance!“
Ihre Sorge ist auch, ob das Geld später reichen wird. Birgit Kaipl hat viele Jahre in Teilzeit gearbeitet – unter anderem zehn Jahre als Reinigungskraft in einer Therme. „Das war für mich praktisch, weil ich mehr Zeit zu Hause hatte und meine Kinder großziehen konnte.“
Als Reinigungskraft bis 65 zu arbeiten – das ist für viele schwer bis gar nicht möglich. Die Arbeit geht an die Substanz. Rücken, Füße, Knie und Hände sind belastet. Gabriela Eder zeigt mir ihre Handgelenke. An beiden sind Operationsnarben zu sehen. Sie musste wegen eines Karpaltunnelsyndroms operiert werden. „Das kommt vom dauernden Auswringen der Putzfetzen“, sagt sie. „Viele von uns haben das.“
Heute arbeitet Gabriela Eder als freigestellte Betriebsratsvorsitzende, bis zum Ende der Periode nächstes Jahr bleibt sie noch im Dienst. Das, sagt sie, ist für sie gut machbar. Als Reinigungskraft wäre es längst zu anstrengend.
Maschinen können die Arbeit erleichtern – vorausgesetzt, sie funktionieren und erreichen auch alle Stellen, die gereinigt werden müssen. Wo das nicht möglich ist, bleibt die Handarbeit. Besonders herausfordernd ist die Reinigung in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen. Dort kommen Infektionsrisiken, Stichverletzungen, Maschinenunfälle oder rutschige Böden hinzu.
„Die Frage darf nicht nur sein, wie lange Menschen arbeiten sollen. Entscheidend ist, unter welchen Bedingungen sie das können.“
Ines Stilling, Bereichsleiterin Soziales, AK Wien
Ein Problem ist auch, wie Arbeit organisiert wird. Reinigungsfirmen wie ISS arbeiten für Kund:innen in Bürogebäuden, Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen. Gerade in Büros wird häufig früh am Morgen oder am Abend gereinigt. Für Beschäftigte bedeutet das oft geteilte Dienste: arbeiten, nach Hause gehen und später wiederkommen.
Dazu kommt der enorme Zeitdruck. Kund:innen wollen möglichst wenig Einschränkungen – die Reinigung soll am besten unsichtbar passieren. Bei Ausschreibungen werden Minuten und Sekunden heruntergerechnet, Flächen und Arbeitszeiten genau kalkuliert. „Der Druck ist immens“, sagt Gabriela Eder. Das wirkt sich auch auf die Zahl der Beschäftigten aus. Birgit Kaipl kennt das aus ihrer Zeit in der Therme: „Die Therme ist nicht kleiner geworden, aber die Zahl der Beschäftigten hat sich in der Zwischenzeit halbiert.“
„Die Frage darf nicht nur sein, wie lange Menschen arbeiten sollen. Entscheidend ist, unter welchen Bedingungen sie das können“, sagt Ines Stilling, Bereichsleiterin Soziales der AK Wien. Menschen müssten in ihrem Beruf gesund bis zur Pension arbeiten können. Dafür müssen sich Arbeitsplätze und Berufe stärker an die Menschen anpassen: durch technische Hilfsmittel, andere Aufgaben und Möglichkeiten zur Weiterentwicklung. „Berufe müssen durchlässiger werden“, sagt Stilling.
In der Reinigung sieht sie bei den Arbeitszeiten Handlungsbedarf. Geteilte Dienste seien anstrengend und machten es oft schwer, Vollzeit zu arbeiten. „Diese geteilten Dienste sollte es so nicht mehr geben.“
Betriebsrät:innen können gemeinsam mit Arbeitgebern neue Arbeitszeit- und Entgeltmodelle verhandeln, die zusammenhängende Arbeitszeiten und ausreichend Erholung möglich machen. Auch die entsprechende Abgeltung von Mehrstunden sei wichtig. Hier sind die Auftraggebenden gefordert: Die Randzeiten entstehen häufig aufgrund ihrer Vorgaben.
Ebenso müssen Unternehmen stärker in die Pflicht genommen werden. „Viele finden ja bereits mit 55 keine Arbeit mehr, weil sie angeblich zu alt sind“, sagt Stilling. Sie fordert deshalb ein Bonus-Malus-System für die Beschäftigung älterer Arbeitnehmer:innen. Bei besonders belastenden Berufen muss genauer hingeschaut werden, ob besondere Regelungen – wie etwa eine Ausweitung der Schwerarbeitspension – notwendig sind.
Wie hoch wird meine Pension einmal sein? Und was bedeuten Teilzeit, Kinderbetreuung oder längere Erwerbsunterbrechungen in diesem Zusammenhang?
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Für Frauen beginnt die Pensionsfrage lange vor dem tatsächlichen Pensionsantritt. Birgit Kaipl hat viele Jahre in Teilzeit gearbeitet. Was praktisch war, kann bei der Pension schnell zum Nachteil werden: Weniger Arbeitszeit bedeutet weniger Einkommen und damit auch niedrigere Pensionsansprüche. Dazu kommen Unterbrechungen durch Kinderbetreuung und die nach wie vor ungleiche Verteilung unbezahlter Sorgearbeit.
Gemeinsam mit den Beschäftigten kann der Betriebsrat Probleme aufzeigen und Veränderungen bei Arbeitszeit, Arbeitsorganisation und Arbeitsschutz einfordern. Gleichzeitig kann er darauf achten, dass die gesetzlichen Vorgaben eingehalten werden und die notwendige Ausstattung vorhanden ist. Für Gabriela Eder ist genau das der Grund, warum sie seit 2001 Betriebsrätin ist: „Man weiß, dass man den Leuten hilft.“
Betriebsrät:innen sind auch die Anlaufstelle, wenn Beschäftigte Probleme haben oder ihre Rechte nicht kennen. Eder und Kaipl raten deshalb: „Unterschreib nichts, ruf uns vorher an. Nimm die Unterlagen mit nach Hause.“ Auch Weiterbildung kann ein Thema für die Belegschaftsvertretung sein. Deutschkurse oder andere Qualifizierungen können Beschäftigten neue Möglichkeiten eröffnen. Gleichzeitig wissen die beiden Betriebsrät:innen, dass gerade Menschen mit niedrigen Einkommen oft wenig Zeit und Geld dafür haben.
Für Gabriela Eder rückt die Pension näher. Im kommenden Herbst steht die nächste Betriebsratswahl an. Sie hat zwei Stellvertreter:innen und will ihre Aufgaben gewissenhaft übergeben. „Ich freue mich, wenn ich weiß: Ich habe meine Agenden gut übergeben.“
Birgit Kaipl wird künftig mehr Verantwortung übernehmen. Sie will sich „zu 100 Pro¬zent einsetzen und nichts unerledigt lassen“, sagt sie. Einen Wunsch hat sie trotzdem noch: „Für unsere Leute wünsche ich mir mehr Geld.“ Gabriela Eder nickt. „Ja, das kann ich so unterschreiben!“