Immer mehr. Immer schneller. Immer weniger Zeit. Für viele Beschäftigte in Österreich ist das längst Alltag. Was früher die Ausnahme war, ist heute für viele zur Regel geworden: dieselbe Arbeit mit weniger Personal, ständig neue Auf gaben und ein Leistungsdruck, der immer weiter steigt.
Doch Arbeit ist kein Dampfkessel, bei dem man den Druck einfach immer weiter erhöhen kann, bis irgendwann mehr Leistung herauskommt. Irgendwann droht das System zu überhitzen – mit schweren Folgen. Genau dieses Bild zeichnet das aktuelle Strukturwandelbarometer von AK Wien und ÖGB. Für die Studie befragte das Meinungsforschungsinstitut IFES knapp 1.500 Betriebsratsvorsitzende aus ganz Österreich.
Das eindeutige Ergebnis: Die Produktivität steigt in vielen Betrieben – aber der Weg dorthin führt häufig übersteigenden Druck auf die Beschäftigten.
Für sieben von zehn Betriebsratsvorsitzenden ist Produktivität eines der wichtigsten Themen im Unternehmen: Mehr als die Hälfte berichtet von einer gestiegenen Produktivität in den vergangenen drei Jahren. Doch diese Entwicklung entsteht vielfach nicht durch bessere Abläufe, neue Ideen oder Investitionen, sondern dadurch, dass Beschäftigte immer mehr leisten müssen.
„Unternehmen müssen endlich erkennen: Ihre Mitarbeiter:innen sind ihr wichtigstes Kapital. Wer das Arbeitstempo ständig erhöht, gefährdet die Gesundheit der Beschäftigten“, warnt ÖGB-Bundesgeschäftsführer Willi Mernyi.
„Unsere Umfrage zeigt deutlich, dass von Vertreter:innen der Wirtschaft völlig an der Realität vorbei argumentiert wird.“
Silvia Hruška-Frank, AK Direktorin
Die Folgen zeigen sich bereits deutlich: Das Arbeitsklima verschlechtert sich, der Arbeitsdruck nimmt zu, immer mehr Beschäftigte schleppen sich krank in die Arbeit oder opfern ihre Freizeit für berufliche Aufgaben. „Die Arbeit wird immer intensiver, was in einer hohen Anzahl von Krankenständen resultiert. Gleichzeitig wird von Vertreter:innen der Wirtschaft nach einem höheren Pensionsalter gerufen. Unsere Umfrage zeigt deutlich, dass hier völlig an der Realität vorbei argumentiert wird“, ergänzt AK Direktorin Silvia Hruška-Frank.
Um die Produktivität zu steigern, übersehen viele Unternehmen die Werkzeuge, die bereits vorhanden sind. Aus Sicht der Betriebsratsvorsitzenden wären das Prozessoptimierungen, die stärkere Einbindung der Beschäftigten, Digitalisierung und Weiterbildung.
Aber: Nur rund jeder dritte Betrieb setzt Weiterbildung konsequent ein. Dabei ist Weiterbildung kein Luxus, sondern hilft Beschäftigten, mit Veränderungen Schritt zu halten, und gibt Unternehmen die Möglichkeit, neue Herausforderungen mit den eigenen Mitarbeiter:innen zu bewältigen.
Betriebsräte spielen eine entscheidende Rolle für faire Lösungen im Betrieb. Wo sie gut eingebunden sind, funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Beschäftigten, Betriebsrat und Management besser. Mehr Mitsprache bedeutet mehr Fairness und bessere Arbeitsbedingungen. Positiv ist, dass die Kommunikation in den Betrieben meist gut läuft.
Allerdings gibt es ein Warnsignal: Die Einbindung des Betriebsrats in unternehmerische Entscheidungen ist erstmals ins Negative gekippt. „Mitbestimmung ist keine Bremse für wirtschaftlichen Erfolg. Sie ist ein Motor, der Unter nehmen stabiler, innovativer und erfolgreicher macht“, sind Hruška Frank und Mernyi überzeugt.
„Wer das Arbeitstempo ständig erhöht, gefährdet die Gesundheit der Beschäftigten.“
Willi Mernyi, ÖGB-Bundesgeschäftsführer
Besonders deutlich wird der Widerspruch beim Thema Fachkräfte. Viele Unternehmen rufen lautstark nach mehr Personal, gleichzeitig bleiben ihre Türen für viele Menschen aber zu. 63 Prozent der Betriebe geben an, Schwierigkeiten zu haben, Personal zu finden. Trotzdem stellen viele Unternehmen Langzeitarbeitslose, Menschen über 50, Teilzeitkräfte oder Menschen mit Betreuungspflichten nur sehr zögerlich ein.
Doch Betriebsratsmitglieder wissen: Der Fachkräftebedarf lässt sich nicht lösen, wenn gleichzeitig Menschen ausgeschlossen werden, die wichtige Erfahrungen und Fähigkeiten mitbringen.
Gerade in Zeiten des Wandels spielen Betriebsräte deshalb eine zentrale Rolle: Sie sind das Frühwarnsystem in den Betrieben. Betriebsratsmitglieder kennen die Herausforderungen der Beschäftigten und bringen wert volles Wissen in Veränderungen ein. Ihre Erfahrung ist keine Bremse, sondern ein Schlüssel zu besseren Lösungen.
Hier findest du weiterführende Infos und das Strukturwandelbarometer zum Download.