Betriebsrätin Karin Samer zum Thema Teilzeit © Markus Zahradnik


Arbeitszeit

Teilzeit: Von wegen „Lifestyle“

Rund 1,4 Millionen Menschen in Österreich arbeiten Teilzeit, meist nicht aus freien Stücken. Betriebsrätin Karin Samer kennt die Situation – und die Sorgen der Beschäftigten.

Markus Mittermüller
09.04.2026


in aller kürze

Teilzeit ist kein Lifestyle

  • Teilzeit ist in Österreich oft keine freiwillige Entscheidung
  • Die häufigsten Gründe sind Betreuungspflichten, Ausbildung oder fehlende Vollzeitstellen. 
  • Frauen arbeiten deutlich häufiger in Teilzeit als Männer. 
  • Häufige Folgen sind geringeres Einkommen, schlechtere Karrierechancen und niedrigere Pensionsansprüche.
  • Der Betriebsrat unterstützt bei Fragen zu Arbeitszeit und Teilzeitregelungen.
  • Eine AK Petition fordert mehr Fairness für Teilzeitbeschäftigte.

„Lifestyle-Teilzeit“ – dieser Begriff taucht in politischen Debatten immer wieder auf. Er suggeriert, dass Menschen freiwillig weniger arbeiten, um mehr Freizeit zu haben. Wer sich den Alltag vieler Beschäftigter ansieht, merkt schnell: Mit der Realität hat das wenig zu tun. 

„Der überwiegende Teil der Teilzeitbeschäftigten arbeitet nicht aus Lifestyle-Gründen Teilzeit“, sagt Ines Stilling, Bereichsleiterin Soziales der Arbeiterkammer Wien. „Viele haben Betreuungs­pflichten, pflegen Angehörige, absolvieren eine Ausbildung oder bekommen schlicht keinen Vollzeitjob angeboten“, so die Expertin.


Frauen sind besonders von Teilzeit betroffen 

Tatsächlich arbeiten in Österreich rund 1,4 Millionen Menschen in Teilzeit. Besonders betroffen sind Frauen. In Österreich arbeitet etwa jede zweite Frau, aber nur jeder achte Mann in Teilzeit. Hauptgründe sind weiterhin Kinderbetreuung, Pflegeaufgaben oder Arbeitsbedingungen, die Vollzeit kaum zulassen.

Für Betriebsrät:innen ist das Thema längst Alltag. Sie sind oft die ersten Ansprechpartner:innen für Beschäftigte, die ihre  Arbeitszeit reduzieren müssen oder mehr Stunden arbeiten wollen, aber keine Vollzeitstelle bekommen.


Betriebsratsvorsitzende Karin Samer © Markus Zahradnik
Karin Samer, Betriebsratsvorsitzende © Markus Zahradnik

Man muss sich ansehen, welche Situation hinter dem Wunsch nach Teilzeit steht und gemein­sam Lösungen finden.


Karin Samer, Betriebsrats­vorsitzende Wiener Kinder­freunde

Wie Teilzeit im Berufsalltag aussieht, kennt Karin Samer aus zwei Perspektiven: als Elementar­pädagogin und als freigestellte Betriebsrätin bei den Wiener Kinder­freunden. Auch sie selbst hat zeitweise in Teilzeit gearbeitet, aus familiären Gründen und während einer Weiterbildung. „Es gibt Lebensphasen, in denen Kinder mehr Aufmerksamkeit brauchen“, sagt sie.

Doch weniger Arbeits­stunden bedeuten im pädagogischen Alltag nicht automatisch weniger Arbeit. „Wenn ich in der Gruppe bin, habe ich die volle Verantwortung – egal, ob ich 20 oder 40 Stunden angestellt bin“, sagt Samer. Denn: „Die Vorbereitung und die Verantwortung für die Kinder bleiben gleich.“

Wie Teilzeitmodelle konkret funktionieren können, zeigt ein Beispiel aus einem Kindergarten der Kinderfreunde in Wien-Liesing. Dort teilen sich zwei Elementar­pädagoginnen die Leitung einer Gruppe. „Für mich ist die Eltern-Teilzeit eine ideale Lösung. Ich kann für mein eigenes Kind da sein und gleichzeitig meinen Beruf ausüben, ohne den Anschluss im Berufsfeld zu verlieren“, sagt Michelle Nießl, die alleinerziehend ist.

Auch ihre Kollegin Ursula Sanftl Schaar sieht Vorteile: „Das geteilte Gruppen­modell funktioniert für uns wunderbar. Wir stimmen uns eng ab und profitieren beide von der flexiblen Stunden­einteilung. So lassen sich Familie und Beruf wirklich gut vereinbaren.“

Oft keine Wahl

Solche Modelle sind jedoch längst nicht überall möglich. In vielen Branchen wird Vollzeit gar nicht angeboten. Ines Stilling erklärt: „Vor allem in Dienstleistungs­branchen wie Handel oder Reinigung gibt es kaum Vollzeitstellen. Wer mehr arbeiten möchte, bekommt häufig keine entsprechende Stelle.“

Hinzu kommen Betreuungs­pflichten. Österreich gehört beim Ausbau der Kinder­betreuung europaweit zu den Schlusslichtern. Viele Eltern – meist Frauen – reduzieren deshalb ihre Arbeitszeit.

Für die Betroffenen hat das langfristige Folgen: geringeres Einkommen, schlechtere Aufstiegs­chancen und später oft auch eine niedrigere Pension. 


gut zu wissen

AK Petition
Jetzt unterschreiben!

Um Forderungen durchzusetzen und mehr Fairness für Beschäftigte in Teilzeit­beschäftigung zu erreichen, hat die Arbeiter­kammer eine Petition gestartet.

Jede Unterschrift hilft! Unterzeichne jetzt und mache auch deine Kolleg:innen im Betrieb darauf aufmerksam.  

AK Petition: #RedenWir – über faire Teilzeit

Recht auf mehr Stunden

Ein besonders heikler Punkt ist die Mehrarbeit. Teilzeit­beschäftigte leisten in vielen Betrieben regelmäßig zusätzliche Stunden, bekommen dafür aber geringere Zuschläge als Vollzeitkräfte.  Der Grund: Während Überstunden bei Vollzeit mit 50 Prozent Zuschlag bezahlt werden, erhalten Teilzeit­beschäftigte für Mehrarbeit häufig nur 25 Prozent – und manchmal gar keinen Zuschlag, wenn die Stunden später durch Freizeit ausgeglichen werden.

„Für Teilzeit­beschäftigte sind ihre Mehrstunden eigentlich Überstunden. Dass sie dafür schlechter bezahlt werden, ist eine strukturelle Benachteiligung“, sagt Stilling.

Auch der EuGH untermauert dies mit Urteilen zu Anlassfällen in Deutschland. So dürfen etwa teilzeit­beschäftigte Pilot:innen bei der Zahlung von „tariflichen Mehrflug­stunden­vergütungen“ nicht mehr schlechter behandelt werden als ihre vollzeitbeschäftigten Kolleg:innen. Ein ähnliches EuGH-Urteil zu einem deutschen Fall gibt es mittlerweile außerdem im Bereich Pflege.


Ines Stilling, AK Wien © Lisi Specht
Ines Stilling, Bereichsleiterin Soziales, AK Wien © Lisi Specht

Für Teilzeit­beschäf­tig­te sind Mehr­stunden eigentlich Über­stunden. Dass sie dafür schlech­ter bezahlt werden, ist eine struk­turelle Benach­tei­li­gung.


Ines Stilling, AK Wien

In Österreich fordert die Arbeiter­kammer mehrere Änderungen: Zuschläge ab der ersten Stunde Mehrarbeit, gleiche Zuschläge wie bei Vollzeit (also 50 statt 25 Prozent) sowie einen Rechts­anspruch auf Aufstockung der Arbeitszeit, wenn Beschäftigte über längere Zeit regel­mäßig mehr arbeiten.

Ein solcher Ansatz findet sich bereits im Kollektiv­vertrag der Sozialwirtschaft, an dessen Verhandlungen auch Karin Samer beteiligt war. Dort wurde ein Recht auf Stunden­aufstockung vereinbart. „Wenn jemand regelmäßig zusätzliche Stunden leistet, soll er oder sie auch das Recht haben, diese Stunden dauerhaft im Vertrag zu bekommen“, sagt Samer.

Der Betriebsrat hilft 

Für Betriebsrät:innen beginnt die Unterstützung oft lange vor rechtlichen Fragen. Viele Beschäftigte suchen zunächst Beratung: Wie lässt sich Arbeit mit Betreuungspflichten vereinbaren? Welche Modelle gibt es – Elternteilzeit, Wieder­eingliederungs­teilzeit oder Sabbatical? Samer sieht deshalb eine zentrale Aufgabe der Betriebsratsarbeit im Zuhören: „Man muss sich ansehen, welche Situation hinter dem Wunsch nach Teilzeit steht und gemeinsam Lösungen finden.“


webtipp

Tipp Symbolbild © AK Wien

AK-TeilzeitPlus-Rechner

Teilzeitbeschäftigte können jetzt herausfinden, wie viel sie bei einer fairen Regelung verdienen würden –
der TeilzeitPlus-Rechner macht es möglich.

Die Diskussion um Teilzeit führt letztlich zu einer größeren Frage: Wie viel Arbeitszeit ist heute überhaupt gesund? Sowohl Gewerkschaften als auch die AK sprechen von einer „gesunden Vollzeit“ zwischen 30 und 35 Stunden pro Woche.

Studien zeigen, dass die Produktivität pro Arbeitsstunde gestiegen ist – viele Beschäftigte leisten heute mehr in kürzerer Zeit. Gleichzeitig werde von den Beschäftigten immer mehr Flexibilität erwartet. „Die Menschen wollen arbeiten und leisten viel. Aber die Arbeitszeit muss zur modernen Arbeitswelt passen“, sagt AK Expertin Stilling. 

Langfristig gesund arbeiten 

Für Karin Samer steht dabei vor allem ein Ziel im Mittelpunkt: dass Beschäftigte ihren Beruf langfristig gesund ausüben können. „Meine Kolleg:innen fragen mich oft: Wie schaffen wir es, gesund bis zum Pensions­antrittsalter zu arbeiten?“ Gerade in Berufen mit hoher körperlicher und emotionaler Belastung sei das eine zentrale Frage. 

Teilzeit ist für viele Beschäftigte deshalb keine Komfortlösung, sondern eine Strategie, um Beruf, Familie und Gesundheit miteinander zu vereinbaren. Oder wie Samer es formuliert: „Niemand geht aus Spaß in Teilzeit. Dahinter steht immer ein wichtiger Grund und der Wunsch, gesund bis zur Pension arbeiten zu können.“


Faq

Warum Teilzeit kein Lifestyle ist

  • Warum arbeiten viele Frauen in Teilzeit?
    Die häufgisten Gründe sind Betreuungspflichten, etwa für Kinder oder ältere Angehörige, und der Mangel an Vollzeitstellen, oft in frauendominierten Branchen.
  • Welche Nachteile hat Teilzeit?
    Geringeres Einkommen, schlechtere Aufstiegschancen, oft eine niedrigere Pension. 
  • Was ist der Unterschied zwischen Mehrarbeit und Überstunden bei Teilzeit?
    Teilzeitbeschäftigte leisten Mehrarbeit, wenn sie mehr als die vertraglich vereinbarten Stunden arbeiten, aber noch unter der Vollzeit-Grenze bleiben. Überstunden entstehen erst darüber. Der Unterschied ist finanziell spürbar: Überstunden werden mit 50 % Zuschlag vergütet, Mehrarbeit bei Teilzeit oft nur mit 25 % oder gar nicht, wenn sie durch Freizeit ausgeglichen wird.


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