„Lifestyle-Teilzeit“ – dieser Begriff taucht in politischen Debatten immer wieder auf. Er suggeriert, dass Menschen freiwillig weniger arbeiten, um mehr Freizeit zu haben. Wer sich den Alltag vieler Beschäftigter ansieht, merkt schnell: Mit der Realität hat das wenig zu tun.
„Der überwiegende Teil der Teilzeitbeschäftigten arbeitet nicht aus Lifestyle-Gründen Teilzeit“, sagt Ines Stilling, Bereichsleiterin Soziales der Arbeiterkammer Wien. „Viele haben Betreuungspflichten, pflegen Angehörige, absolvieren eine Ausbildung oder bekommen schlicht keinen Vollzeitjob angeboten“, so die Expertin.
Tatsächlich arbeiten in Österreich rund 1,4 Millionen Menschen in Teilzeit. Besonders betroffen sind Frauen. In Österreich arbeitet etwa jede zweite Frau, aber nur jeder achte Mann in Teilzeit. Hauptgründe sind weiterhin Kinderbetreuung, Pflegeaufgaben oder Arbeitsbedingungen, die Vollzeit kaum zulassen.
Für Betriebsrät:innen ist das Thema längst Alltag. Sie sind oft die ersten Ansprechpartner:innen für Beschäftigte, die ihre Arbeitszeit reduzieren müssen oder mehr Stunden arbeiten wollen, aber keine Vollzeitstelle bekommen.
„Man muss sich ansehen, welche Situation hinter dem Wunsch nach Teilzeit steht und gemeinsam Lösungen finden.“
Karin Samer, Betriebsratsvorsitzende Wiener Kinderfreunde
Wie Teilzeit im Berufsalltag aussieht, kennt Karin Samer aus zwei Perspektiven: als Elementarpädagogin und als freigestellte Betriebsrätin bei den Wiener Kinderfreunden. Auch sie selbst hat zeitweise in Teilzeit gearbeitet, aus familiären Gründen und während einer Weiterbildung. „Es gibt Lebensphasen, in denen Kinder mehr Aufmerksamkeit brauchen“, sagt sie.
Doch weniger Arbeitsstunden bedeuten im pädagogischen Alltag nicht automatisch weniger Arbeit. „Wenn ich in der Gruppe bin, habe ich die volle Verantwortung – egal, ob ich 20 oder 40 Stunden angestellt bin“, sagt Samer. Denn: „Die Vorbereitung und die Verantwortung für die Kinder bleiben gleich.“
Wie Teilzeitmodelle konkret funktionieren können, zeigt ein Beispiel aus einem Kindergarten der Kinderfreunde in Wien-Liesing. Dort teilen sich zwei Elementarpädagoginnen die Leitung einer Gruppe. „Für mich ist die Eltern-Teilzeit eine ideale Lösung. Ich kann für mein eigenes Kind da sein und gleichzeitig meinen Beruf ausüben, ohne den Anschluss im Berufsfeld zu verlieren“, sagt Michelle Nießl, die alleinerziehend ist.
Auch ihre Kollegin Ursula Sanftl Schaar sieht Vorteile: „Das geteilte Gruppenmodell funktioniert für uns wunderbar. Wir stimmen uns eng ab und profitieren beide von der flexiblen Stundeneinteilung. So lassen sich Familie und Beruf wirklich gut vereinbaren.“
Solche Modelle sind jedoch längst nicht überall möglich. In vielen Branchen wird Vollzeit gar nicht angeboten. Ines Stilling erklärt: „Vor allem in Dienstleistungsbranchen wie Handel oder Reinigung gibt es kaum Vollzeitstellen. Wer mehr arbeiten möchte, bekommt häufig keine entsprechende Stelle.“
Hinzu kommen Betreuungspflichten. Österreich gehört beim Ausbau der Kinderbetreuung europaweit zu den Schlusslichtern. Viele Eltern – meist Frauen – reduzieren deshalb ihre Arbeitszeit.
Für die Betroffenen hat das langfristige Folgen: geringeres Einkommen, schlechtere Aufstiegschancen und später oft auch eine niedrigere Pension.
Um Forderungen durchzusetzen und mehr Fairness für Beschäftigte in Teilzeitbeschäftigung zu erreichen, hat die Arbeiterkammer eine Petition gestartet.
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Ein besonders heikler Punkt ist die Mehrarbeit. Teilzeitbeschäftigte leisten in vielen Betrieben regelmäßig zusätzliche Stunden, bekommen dafür aber geringere Zuschläge als Vollzeitkräfte. Der Grund: Während Überstunden bei Vollzeit mit 50 Prozent Zuschlag bezahlt werden, erhalten Teilzeitbeschäftigte für Mehrarbeit häufig nur 25 Prozent – und manchmal gar keinen Zuschlag, wenn die Stunden später durch Freizeit ausgeglichen werden.
„Für Teilzeitbeschäftigte sind ihre Mehrstunden eigentlich Überstunden. Dass sie dafür schlechter bezahlt werden, ist eine strukturelle Benachteiligung“, sagt Stilling.
Auch der EuGH untermauert dies mit Urteilen zu Anlassfällen in Deutschland. So dürfen etwa teilzeitbeschäftigte Pilot:innen bei der Zahlung von „tariflichen Mehrflugstundenvergütungen“ nicht mehr schlechter behandelt werden als ihre vollzeitbeschäftigten Kolleg:innen. Ein ähnliches EuGH-Urteil zu einem deutschen Fall gibt es mittlerweile außerdem im Bereich Pflege.
„Für Teilzeitbeschäftigte sind Mehrstunden eigentlich Überstunden. Dass sie dafür schlechter bezahlt werden, ist eine strukturelle Benachteiligung.“
Ines Stilling, AK Wien
In Österreich fordert die Arbeiterkammer mehrere Änderungen: Zuschläge ab der ersten Stunde Mehrarbeit, gleiche Zuschläge wie bei Vollzeit (also 50 statt 25 Prozent) sowie einen Rechtsanspruch auf Aufstockung der Arbeitszeit, wenn Beschäftigte über längere Zeit regelmäßig mehr arbeiten.
Ein solcher Ansatz findet sich bereits im Kollektivvertrag der Sozialwirtschaft, an dessen Verhandlungen auch Karin Samer beteiligt war. Dort wurde ein Recht auf Stundenaufstockung vereinbart. „Wenn jemand regelmäßig zusätzliche Stunden leistet, soll er oder sie auch das Recht haben, diese Stunden dauerhaft im Vertrag zu bekommen“, sagt Samer.
Für Betriebsrät:innen beginnt die Unterstützung oft lange vor rechtlichen Fragen. Viele Beschäftigte suchen zunächst Beratung: Wie lässt sich Arbeit mit Betreuungspflichten vereinbaren? Welche Modelle gibt es – Elternteilzeit, Wiedereingliederungsteilzeit oder Sabbatical? Samer sieht deshalb eine zentrale Aufgabe der Betriebsratsarbeit im Zuhören: „Man muss sich ansehen, welche Situation hinter dem Wunsch nach Teilzeit steht und gemeinsam Lösungen finden.“
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Die Diskussion um Teilzeit führt letztlich zu einer größeren Frage: Wie viel Arbeitszeit ist heute überhaupt gesund? Sowohl Gewerkschaften als auch die AK sprechen von einer „gesunden Vollzeit“ zwischen 30 und 35 Stunden pro Woche.
Studien zeigen, dass die Produktivität pro Arbeitsstunde gestiegen ist – viele Beschäftigte leisten heute mehr in kürzerer Zeit. Gleichzeitig werde von den Beschäftigten immer mehr Flexibilität erwartet. „Die Menschen wollen arbeiten und leisten viel. Aber die Arbeitszeit muss zur modernen Arbeitswelt passen“, sagt AK Expertin Stilling.
Für Karin Samer steht dabei vor allem ein Ziel im Mittelpunkt: dass Beschäftigte ihren Beruf langfristig gesund ausüben können. „Meine Kolleg:innen fragen mich oft: Wie schaffen wir es, gesund bis zum Pensionsantrittsalter zu arbeiten?“ Gerade in Berufen mit hoher körperlicher und emotionaler Belastung sei das eine zentrale Frage.
Teilzeit ist für viele Beschäftigte deshalb keine Komfortlösung, sondern eine Strategie, um Beruf, Familie und Gesundheit miteinander zu vereinbaren. Oder wie Samer es formuliert: „Niemand geht aus Spaß in Teilzeit. Dahinter steht immer ein wichtiger Grund und der Wunsch, gesund bis zur Pension arbeiten zu können.“