„Manchmal fühle ich mich schon fast wie ein Pfarrer.“ Für einen kurzen Moment muss Christian Hackl schmunzeln. Doch der 56-jährige Arbeiterbetriebsrat von Manner im Wiener Stammwerk im 17. Bezirk wird gleich wieder ernst. „Dass zu wenig im Börserl bleibt und das Leben schwieriger wird, erzählen mir die Leute eigentlich täglich.“
Betriebsratsmitglieder sind die Erstansprechpartner:innen der Beschäftigten vor Ort und als solche unmittelbar mit ihren Sorgen, Ängsten und Bedürfnissen konfrontiert. Zu den Hauptsorgen gehört nach wie vor die Inflation – und das nicht von ungefähr. Denn Österreich befindet sich unter den Ländern mit der höchsten Teuerungsrate im Euroraum. Mit Verbraucherpreisen von zuletzt 3,3 Prozent über dem Vorjahresniveau, angeheizt durch den Krieg in Nahost und den dadurch gestiegenen Ölpreis, ist auch weiterhin kein Ende in Sicht.
Der heimische Vierjahresvergleich liest sich besonders drastisch: In den Bereichen Mieten und Lebensmittel musste zu Beginn dieses Jahres um je ein Viertel mehr bezahlt werden als noch Anfang 2022. Bei den Energiekosten war in diesem Zeitraum sogar ein Anstieg von deutlich über 30 Prozent zu verzeichnen.
„Dass in Unternehmen mit Betriebsrat tendenziell höhere Einkommen bezahlt werden, kann nicht oft genug betont werden.“
Michael Ertl, Referent in der Abteilung Wirtschaftswissenschaft und Statistik, AK Wien
Michael Ertl aus der Abteilung Wirtschaftswissenschaft und Statistik der AK Wien und Experte zum Thema Teuerung bringt es auf den Punkt: „Das Hauptproblem ist, dass all diese Bereiche Grundbedürfnisse sind – denn man muss wohnen, man muss heizen und man muss essen.“
Zwar habe die Bundesregierung bereits Gegenmaßnahmen ergriffen und dabei auch Forderungen der AK umgesetzt – Ertl erwähnt die Miet- und die Spritpreisbremse, den Sozialtarif für Armutsbetroffene bei Energie oder die Halbierung der Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel per Juli 2026 –, in vielen Aspekten müsse man aber noch deutlich weiter gehen.
„Zum Thema Wohnen etwa fordert die AK das Aus für befristete Mietverträge – und dass Mieten nur einmal im Jahr um maximal zwei Prozent ansteigen dürfen. Bei den Lebensmitteln braucht es eine Reform des Preisgesetzes: Unternehmen sollen beweisen müssen, dass ihre Preissteigerungen gerechtfertigt sind. Wir benötigen endlich eine Preisdatenbank und eine unabhängige Anti-Teuerungskommission.“
Neben möglichen Unterstützungsangeboten, die unmittelbar benötigt werden, dürfe man laut Ertl aber auch die großen langfristigen Ziele nicht aus den Augen verlieren: „Eines unserer Hauptanliegen muss – auch und gerade in der Krise – der ökologische und soziale Umbau der Wirtschaft und die Hinwendung zu erneuerbarer Energie sein, für die nachfolgenden Generationen und für unsere Unabhängigkeit. Gelingt uns das, wären Energiepreisschocks so irgendwann gar nicht mehr möglich.“
Die Preise der Stromversorger und Gaslieferanten unterscheiden sich teils erheblich – ein Wechsel kann helfen.
Dass Unternehmen, die bereits in ihre Nachhaltigkeit investiert haben, schon jetzt klar im Vorteil sind, steht außer Frage. Bei Manner etwa liefert am Standort im niederösterreichischen Wolkersdorf eine Photovoltaikanlage kräftig zu. Umgekehrt versorgt die Abwärme der Schnittenöfen im 17. Bezirk 600 Wiener Haushalte mit Energie. Eine Win-win-Situation. Hackl, der seit 2003 bei Manner arbeitet und seit 2012 Betriebsrat ist: „Gemeinsam mit der Stadt Wien haben wir hier eine Möglichkeit geschaffen, Energie nachhaltig zu nutzen und jenen zur Verfügung zu stellen, die sie dringender brauchen.“
Während für die großen Weichenstellungen im Kampf gegen die Teuerung die Politik gefragt ist, können im Kleinen auch Betriebsratsmitglieder kräftig unterstützen. Dabei geht es nicht nur um das offene Ohr im Gespräch – oder das Zurverfügungstellen von Informationen rund um Themen wie Mietrechtsberatung und Energieanbieterwechsel samt Vergleichsplattformen oder -rechnern.
So besteht – unter einigen Bedingungen – etwa auch die Möglichkeit, besonders stark betroffene Beschäftigte mit Mitteln aus dem Betriebsratsfonds zu unterstützen. Bei Manner gibt es zusätzlich einen Sozialfonds sowie Möglichkeiten über die Manner-Stiftung. Christian Hackl berichtet über Unterstützungsleistungen für teure Medikamente oder kaputte Waschmaschinen, erinnert sich aber auch an einen Extremfall: „Einmal konnten wir eine Kollegin in letzter Minute vor der Delogierung bewahren. Da hat sich gezeigt: Wer schnell hilft, hilft doppelt – denn die Kollegin hat ihre Zahlungen immer wieder aufgeschoben und niemandem von ihren Problemen berichtet.“
AK Experte Ertl bekräftigt: „An Fällen wie diesem sieht man, wie sehr das Thema auch mit Scham behaftet ist. Umso wichtiger ist es, dass es Betriebsräte gibt, an die sich Beschäftigte wenden können – niederschwellig und vertrauensvoll.“
„Gerade in der Teuerung müssen wir alle zusammenhelfen.“
Christian Hackl, Arbeiterbetriebsrat, Manner
Dazu kommen jede Menge kleinere Maßnahmen, zu denen Betriebsräte in Abstimmung mit dem Unternehmen beitragen können und die sich am Ende auch summieren: Sei es bei Manner etwa ein monatlicher Zuschuss für Pendler:innen (egal ob per Öffi oder mit dem Pkw), sei es die Schaffung von sicheren Radabstellplätzen samt Ladestationen, um kostensparend und gesundheitsfördernd mit dem (E-)Bike in die Arbeit zu fahren, sei es die Kantine mit gefördertem Mittagessen oder der neue Essensautomat, der auch Beschäftigten im Schichtbetrieb jederzeit eine kostengünstige Mahlzeit garantiert.
Außerdem kann Christian Hackl bei Manner auf Weihnachtsgutscheine und Teuerungsprämien verweisen – teilt dabei aber einen zentralen Punkt, den Michael Ertl so formuliert: „Gute, solide Lohnabschlüsse sind langfristig das wichtigste Instrument im Kampf gegen die Teuerung. Nur Kollektivverträge sichern die faire Entlohnung der Beschäftigten. Und dass in Unternehmen mit Betriebsrat tendenziell höhere Einkommen bezahlt werden, kann ohnehin nicht oft genug betont werden.“
Mittel aus dem Betriebsratsfonds dürfen für Wohlfahrtsmaßnahmen und Wohlfahrtseinrichtungen zugunsten von Beschäftigten verwendet werden. Dafür gibt es aber einige Punkte zu beachten. Du interessierst dich für Details? Dann wende dich gerne an betriebsratsfonds@akwien.at.
Sichtlich stolz erzählt Hackl übrigens über zwei beliebte Aktionen, die dem Manner-Betriebsratsteam firmenübergreifend gelungen sind: einerseits die Möglichkeit von wechselseitigen Mitarbeiter:innenrabatten bei anderen Unternehmen, andererseits der mit diesen gepflegte Warentausch.
„Gerade in der Teuerung müssen wir alle zusammenhelfen. Manchmal verrutscht in der Produktion zum Beispiel eine Folie und auf der Verpackung ist das Logo nicht mehr gut zu sehen. Dann können wir damit nicht in den Handel, obwohl die Ware einwandfrei ist. Weil das in anderen Firmen auch vorkommt, organisieren wir gemeinsame Verteilaktionen, die sehr beliebt sind. Da geht es oft zu wie auf einem Volksfest.“
Eine Win-win-Situation im Zeichen der Nachhaltigkeit. Und dem Börserl ist damit auch wieder ein wenig geholfen.
Warum sind Kollektivverträge so wichtig gegen Inflation?
Weil gute KV-Abschlüsse dafür sorgen, dass Löhne und Gehälter mit den steigenden Lebenshaltungskosten Schritt halten. Unternehmen mit Betriebsrat zahlen zudem häufig bessere Einkommen.