Der Betriebsrat, der da war, als es mit der Führungskraft schwierig wurde – oder die Jugendvertrauensrätin, die genau die richtigen Tipps für die Abschlussprüfung parat hatte: Ohne Unterstützung wie diese – noch dazu zur richtigen Zeit – würden viele wesentlich schwerer durch ihre Lehrzeit kommen.
Keine Frage: Die Zeiten für den Start in die Ausbildung sind härter geworden. Immer weniger Betriebe bilden aus. So begannen im Jahr 2025 rund 28.000 Lehrlinge das erste Lehrjahr, etwa 10.000 weniger als noch vor 20 Jahren. Und wer eine Lehrstelle ergattert hat, ist nicht immer glücklich damit.
AK und ÖGB haben 6.102 Lehrlinge in ganz Österreich für den „Lehrlingsmonitor“ befragt: Etwa jede dritte Person findet, dass ihre Lehrstelle deutlich besser werden müsste. Fast ebenso viele klagen über schlechte Behandlung. Viele lernen technische Neuigkeiten wie Künstliche Intelligenz (KI) nur in den Berufsschulen kennen. Oft fehlen genaue Aufzeichnungen über die Arbeitszeit – und zu viele müssen nicht selten auch unbezahlte Überstunden leisten.
Marlene Frank berät für die Arbeiterkammer Wien Lehrlinge. Immer zum Quartalsende häufen sich die Anfragen bei ihr. Es geht um unbezahlte Überstunden, aber auch um Themen wie Anschreien oder sogar Belästigung. „Lehrlinge sind oft noch keine 18 Jahre alt. Sie sind besonders schutzwürdig. Mein Eindruck ist: Viele, die mit der Ausbildung in einem Betrieb betraut werden, haben wenig pädagogische Erfahrung“, sagt sie.
„Jugendvertrauensrät:innen ergänzen unsere Betriebsratsarbeit als Ansprechpersonen für die Jüngsten im Betrieb.“
Martin Steininger, Betriebsrat
So hatte ein angehender Restaurantfachmann im Lehrbetrieb seinen Urlaub mit einem Vorgesetzten vereinbart und danach auch angetreten. Als er aber feststellen musste, dass er trotzdem an einem Urlaubstag zum Dienst eingeteilt worden war, meldete er sich aus dem Urlaub und erklärte die Lage. Daraufhin wurde er entlassen.
Die AK klagte für den jungen Mann und konnte eine Entschädigung für die unrechtmäßige Auflösung des Lehrverhältnisses von über 4.000 Euro herausholen. AK Rechtsberaterin Frank: „Oft führen schlechte Erfahrungen im ersten Lehrbetrieb dazu, dass die Lehre abgebrochen wird und sich die jungen Leute eine andere Branche suchen.“
450 Lehrlinge aus, vor allem in technischen Berufen. Das Unternehmen investiert viel in die Ausbildung und hat eigene Lehrwerkstätten. Damit die Ausbildner:innen auf dem neuesten pädagogischen Stand bleiben, gibt es betriebseigene Schulungen.
Zwei Betriebsratsmitglieder des Zentralbetriebsrats kümmern sich besonders um die Ausbildung. Einer von ihnen ist der 30-jährige Martin Steininger. Dazu kommen sieben Jugendvertrauensrät:innen. Sie reden mit, etwa wenn Konflikte mit Lehrlingen im Betrieb gelöst werden müssen oder Veranstaltungen für die Lehrlinge – wie die Lehrlings Weihnachtsfeier oder ein Gaming Event – organisiert werden.
Steininger: „Jugendvertrauensrät:innen ergänzen unsere Betriebsratsarbeit als Ansprechpersonen für die Jüngsten im Betrieb. Sie sind oft selbst mitten in der Ausbildung und des halb nah dran an den Lehrlingen. Und wir hoffen natürlich, dass sich die eine oder der andere vielleicht später auch im Betriebsrat engagieren möchte.“
„Wer Fachkräfte will, muss diese auch gut ausbilden.“
Magdalena Pötzelsberger, AK Wien
Für Steininger ist gerade die Ausbildung das Thema, an dem die Sozialpartnerschaft im Unternehmen richtig gut funktioniert. „Wir brauchen gut ausgebildete Fachleute, die darauf geschult sind, unsere Straßenbahnen, Busse oder Gleise instand zu halten. Dafür tun das Unternehmen und der Betriebsrat in enger Absprache sehr viel.“
Seit drei Jahren ist Vanessa Domic Jugendvertrauensrätin bei den Wiener Linien. Im Juli 2026 hat die 20-Jährige ihre Lehrabschlussprüfung als Elektrotechnikerin/Mechatronikerin geschafft. „Vielleicht ist es ein Helfersyndrom. Aber ich trage gern dazu bei, dass etwas noch besser wird. Manchmal suchen die Lehrlinge nur ein offenes Ohr für ein Problem“, sagt sie. „Manchmal reicht ein Vermittlungsgespräch mit den Ausbildenden, sonst hole ich den Betriebsrat dazu.“
Der AK Ratgeber „Dein Recht als Lehrling“ beantwortet alle Fragen rund um das Thema Lehre. Hier geht’s zum Gratis-PDF.
Auf die Lehrabschlussprüfung können sich die Lehrlinge der Wiener Linien mehrere Wochen lang intensiv in Theorie und Praxis vorbereiten. „Richtig gut ist das freie Lernen, bei dem man selbst die Dinge nachfragen kann, die noch nicht sitzen. Man wiederholt genau das, was gebraucht wird, und das so oft wie benötigt“, sagt Domic.
Doch das ist längst nicht in allen Betrieben so, weiß Magdalena Pötzelsberger, AK Expertin für Lehrausbildung: „Immer mehr Unternehmen investieren immer weniger in die Ausbildung“, sagt sie. Das lässt sich auch an den Ergebnissen der Lehrabschlussprüfungen ablesen: Von denen, die die Abschlussprüfung antreten, haben 2025 etwa 76 Prozent den Abschluss geschafft. 2015 waren es noch 81 Prozent. Pötzelsberger: „Wer Fachkräfte will, muss diese auch gut ausbilden.“
Fast vier von zehn Lehrlingen berichten laut Lehrlingsmonitor übrigens auch, dass im Betrieb nie oder nur selten über den Stand der Ausbildung gesprochen wird. Im Idealfall sollte eine Ausbildungsdokumentation vorliegen, die regelmäßig von den Ausbildner:innen mit den Lehrlingen besprochen wird. So können Wissenslücken früh erkannt und behoben werden. „Ausbildung geht nicht so nebenbei“, sagt Pötzelsberger. „Wer ausbildet, nimmt Verantwortung auf sich. Im Gegenzug lohnt sich gute Ausbildung junger Fachkräfte für den Betrieb, aber auch für die ganze Branche.“
Denn gerade in Zeiten von KI bietet die Lehre großes Potenzial: Handwerkliche Tätigkeiten oder die Arbeit mit Menschen, etwa in der Pflege, lassen sich nicht so einfach ersetzen. „Damit mehr junge Menschen für die Lehre gewonnen werden können, braucht es jedoch attraktive Ausbildungsbedingungen“, sagt Pötzelsberger.
AK und ÖGB fordern deshalb, dass die Ausbildungsförderung an klare Qualitätskriterien gebunden wird. „Lebenslanges Lernen wird die Lehrlinge von heute begleiten. Das funktioniert, wenn Lernen schon in der Lehre positiv begleitet und erlebt wird“, so die AK Expertin.