Betriebsrat Martin Steininger und Jugendvertrauensrätin Vanessa Domic im Gespräch über Lehrausbildung © Markus Zahradnik


Lehre

Zukunftsfrage Lehrausbildung: Unterstützung heißt positiv begleiten

Lehrlinge sind die Fachkräfte von morgen. Aber bei Lehrstellen und guter Ausbildung wird oft gekürzt. Betriebsrat Martin Steininger und Jugend­vertrauensrätin Vanessa Domic berichten, wie es besser geht.

Andreas  Rauschal
14.08.2026
in diesem Artikel



    in aller kürze

    Lehrausbildung:

    • Etwa jede:r dritte Lehrling findet, dass die Lehrstelle deutlich besser werden müsste.
    • Fast vier von zehn Lehrlingen berichten, dass im Betrieb nie oder nur selten über den Stand der Ausbildung gesprochen wird.
    • Eine gute Lehrausbildung braucht Unterstützung durch den Betrieb, den Betriebsrat und den Jugendvertrauensrat.
    • AK und ÖGB fordern, dass die Ausbildungsförderung an klare Qualitätskriterien gebunden wird.

    Der Betriebsrat, der da war, als es mit der Führungskraft schwierig wurde – oder die Jugendvertrauensrätin, die genau die richtigen Tipps für die Abschlussprüfung parat hatte: Ohne Unterstützung wie diese – noch dazu zur richtigen Zeit – würden viele wesentlich schwerer durch ihre Lehrzeit kommen. 

    Keine Frage: Die Zeiten für den Start in die Ausbildung sind härter geworden. Immer weniger Betriebe bilden aus. So begannen im Jahr 2025 rund 28.000 Lehrlinge das erste Lehrjahr, etwa 10.000 weniger als noch vor 20 Jahren. Und wer eine Lehrstelle ergattert hat, ist nicht immer glücklich damit.

    Lehrlinge brauchen Schutz und Unterstützung  

    AK und ÖGB haben 6.102 Lehrlinge in ganz Österreich für den „Lehrlingsmonitor“ befragt: Etwa jede dritte Person findet, dass ihre Lehrstelle deutlich besser werden müsste. Fast ebenso viele klagen über schlechte Behandlung. Viele lernen technische Neuigkeiten wie Künstliche Intelligenz (KI) nur in den Berufsschulen kennen. Oft fehlen genaue Aufzeichnungen über die Arbeitszeit – und zu viele müssen nicht selten auch unbezahlte Überstunden leisten.

    Marlene Frank berät für die Arbeiterkammer Wien Lehrlinge. Immer zum Quartalsende häufen sich die Anfragen bei ihr. Es geht um unbezahlte Überstunden, aber auch um Themen wie Anschreien oder sogar Belästigung. „Lehrlinge sind oft noch keine 18 Jahre alt. Sie sind besonders schutzwürdig. Mein Eindruck ist: Viele, die mit der Ausbildung in einem Betrieb betraut werden, haben wenig pädagogische Erfahrung“, sagt sie.


    Betriebsrat Martin Steininger © Markus Zahradnik
    Betriebsrat Martin Steininger © Markus Zahradnik

    Jugend­ver­trauens­rät:innen ergänzen unsere Betriebs­rats­arbeit als Ansprech­per­sonen für die Jüngsten im Betrieb.


    Martin Steininger, Betriebsrat

    So hatte ein angehender Restaurantfachmann im Lehrbetrieb seinen Urlaub mit einem Vorgesetzten vereinbart und danach auch angetreten. Als er aber feststellen musste, dass er trotzdem an einem Urlaubstag zum Dienst eingeteilt worden war, meldete er sich aus dem Urlaub und erklärte die Lage. Daraufhin wurde er entlassen. 

    Die AK klagte für den jungen Mann und konnte eine Entschädigung für die unrechtmäßige Auflösung des Lehrverhältnisses von über 4.000 Euro herausholen. AK Rechtsberaterin Frank: „Oft führen schlechte Erfahrungen im ersten Lehrbetrieb dazu, dass die Lehre abgebrochen wird und sich die jungen Leute eine andere Branche suchen.“

    Positivbeispiel Wiener Linien: Gute Lehrausbildung im Betrieb

    450 Lehrlinge aus, vor allem in technischen Berufen. Das Unternehmen investiert viel in die Ausbildung und hat eigene Lehrwerkstätten. Damit die Ausbildner:innen auf dem neuesten pädagogischen Stand bleiben, gibt es betriebseigene Schulungen.

    Zwei Betriebsratsmitglieder des Zentralbetriebsrats kümmern sich besonders um die Ausbildung. Einer von ihnen ist der 30-jährige Martin Steininger. Dazu kommen sieben Jugendvertrauensrät:innen. Sie reden mit, etwa wenn Konflikte mit Lehrlingen im Betrieb gelöst werden müssen oder Veranstaltungen für die Lehrlinge – wie die Lehrlings Weihnachtsfeier oder ein Gaming Event – organisiert werden. 

    Steininger: „Jugendvertrauensrät:innen ergänzen unsere Betriebsratsarbeit als Ansprechpersonen für die Jüngsten im Betrieb. Sie sind oft selbst mitten in der Ausbildung und des halb nah dran an den Lehrlingen. Und wir hoffen natürlich, dass sich die eine oder der andere vielleicht später auch im Betriebsrat engagieren möchte.“


    Magdalena Pötzelsberger,  AK Expertin für Lehrausbildung © Markus Zahradnik
    Magdalena Pötzelsberger, AK Expertin für Lehrausbildung © Markus Zahradnik

    Wer Fachkräfte will, muss diese auch gut ausbilden.


    Magdalena Pötzelsberger, AK Wien

    Gut vorbereitet zur Lehrabschlussprüfung

    Für Steininger ist gerade die Ausbildung das Thema, an dem die Sozialpartnerschaft im Unternehmen richtig gut funktioniert. „Wir brauchen gut ausgebildete Fachleute, die darauf geschult sind, unsere Straßenbahnen, Busse oder Gleise instand zu halten. Dafür tun das Unternehmen und der Betriebsrat in enger Absprache sehr viel.“


    Seit drei Jahren ist Vanessa Domic Jugendvertrauensrätin bei den Wiener Linien. Im Juli 2026 hat die 20-Jährige ihre Lehrabschlussprüfung als Elektrotechnikerin/Mechatronikerin geschafft. „Vielleicht ist es ein Helfersyndrom. Aber ich trage gern dazu bei, dass etwas noch besser wird. Manchmal suchen die Lehrlinge nur ein offenes Ohr für ein Problem“, sagt sie. „Manchmal reicht ein Vermittlungsgespräch mit den Ausbildenden, sonst hole ich den Betriebsrat dazu.“


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    Ratgeber: Dein Recht als Lehrling © AK Wien

    Dein Recht als Lehrling

    Der AK Ratgeber „Dein Recht als Lehrling“ beantwortet alle Fragen rund um das Thema Lehre. Hier geht’s zum Gratis-PDF.


    Betriebsrat Martin Steininger und Jugendvertrauensrätin Vanessa Domic  © Markus Zahradnik
    Jugendvertrauensrätin Vanessa Domic und Betriebsrat Martin Steininger © Markus Zahradnik

    Auf die Lehrabschlussprüfung können sich die Lehrlinge der Wiener Linien mehrere Wochen lang intensiv in Theorie und Praxis vorbereiten. „Richtig gut ist das freie Lernen, bei dem man selbst die Dinge nachfragen kann, die noch nicht sitzen. Man wiederholt genau das, was gebraucht wird, und das so oft wie benötigt“, sagt Domic.


    Doch das ist längst nicht in allen Betrieben so, weiß Magdalena Pötzelsberger, AK Expertin für Lehrausbildung: „Immer mehr Unternehmen investieren immer weniger in die Ausbildung“, sagt sie. Das lässt sich auch an den Ergebnissen der Lehrabschlussprüfungen ablesen: Von denen, die die Abschlussprüfung antreten, haben 2025 etwa 76 Prozent den Abschluss geschafft. 2015 waren es noch 81 Prozent. Pötzelsberger: „Wer Fachkräfte will, muss diese auch gut ausbilden.“

    Warum Betriebe Verantwortung für Ausbildungs­qualität tragen

    Fast vier von zehn Lehrlingen berichten laut Lehrlingsmonitor übrigens auch, dass im Betrieb nie oder nur selten über den Stand der Ausbildung gesprochen wird. Im Idealfall sollte eine Ausbildungsdokumentation vorliegen, die regelmäßig von den Ausbildner:innen mit den Lehrlingen besprochen wird. So können Wissenslücken früh erkannt und behoben werden. „Ausbildung geht nicht so nebenbei“, sagt Pötzelsberger. „Wer ausbildet, nimmt Verantwortung auf sich. Im Gegenzug lohnt sich gute Ausbildung junger Fachkräfte für den Betrieb, aber auch für die ganze Branche.“

    Denn gerade in Zeiten von KI bietet die Lehre großes Potenzial: Handwerkliche Tätigkeiten oder die Arbeit mit Menschen, etwa in der Pflege, lassen sich nicht so einfach ersetzen. „Damit mehr junge Menschen für die Lehre gewonnen werden können, braucht es jedoch attraktive Ausbildungsbedingungen“, sagt Pötzelsberger. 

    AK und ÖGB fordern deshalb, dass die Ausbildungsförderung an klare Qualitätskriterien gebunden wird. „Lebenslanges Lernen wird die Lehrlinge von heute begleiten. Das funktioniert, wenn Lernen schon in der Lehre positiv begleitet und erlebt wird“, so die AK Expertin.

    gut zu wissen

    Lehrlinge gut unterstützen: So geht das!


    1. Was können Jugendvertrauensrät:innen für Lehrlinge tun? 
      Sie können wichtige Verbindungen knüpfen – zwischen den Generationen, zwischen Betriebsrat und Lehrlingen oder zwischen Betrieb und Lehrlingen. 

    2. Wie kann man Lehrlinge vor der Lehrabschlussprüfung unterstützen? 
      Schon vermeintlich einfache Infos helfen gegen Prüfungsängste: Wie genau läuft die Prüfung ab? Was muss man bei der Prüfung dabeihaben? Wer sitzt in einer Prüfungskommission? Auch das Üben in einer Prüfungssituation kann helfen.

    3. Wo findet man Hilfe bei der Vorbereitung auf die Lehrabschlussprüfung?
      Gute Angebote hat der Kultur und Sportverein der Wiener Berufsschulen.

    4. Wo gibt es Beratung für Lehrlinge?
      Bei Arbeitsrechtsfragen hilft die AK Wien. Die Hotline #lehrlinginwien bietet Beratung unter der Telefonnummer 01 / 997 1111. 

    5. Wo erhält man Hilfe bei Kurskosten? 
      Die Kosten für anerkannte Vorbereitungskurse zur Lehrabschlussprüfung werden vollständig ersetzt. Der Antrag muss innerhalb von sechs Monaten nach Kursende bei der Lehrlingsstelle der Wirtschaftskammer eingebracht werden. Eine Liste der anerkannten Kurse gibt es hier.