Ein Kollege wirkt plötzlich verändert, eine Mitarbeiterin macht ungewöhnliche Fehler: Suchtverhalten im Arbeitsalltag ist oft schwer greifbar, aber folgenreich. Für Betriebsräte ist es wichtig, Handlungsoptionen zu haben, denn Sucht im Job ist kein Randthema.
Die aktuelle Drogenstatistik zeigt: Fünf Prozent der Erwachsenen in Österreich sind alkoholabhängig, weitere 15 Prozent konsumieren so viel Alkohol, dass es gesundheitsschädlich ist. Das heißt: Jede fünfte Person ist betroffen. Auch Medikamente, Glücksspiel, leistungssteigernde Substanzen oder exzessive Smartphone-Nutzung gewinnen an Bedeutung.
„Auch wenn Konsum grundsätzlich Privatsache ist: Sobald er die Arbeitssicherheit oder die Leistungsfähigkeit betrifft, wird er zum Thema im Betrieb.“
Isabel Koberwein, Expertin für Arbeitnehmer:innenschutz der GPA
Sucht ist im Kleinen sichtbar, kann bis zu erhöhter Unfallgefahr und Gewalt am Arbeitsplatz führen – und dennoch wird oft weggeschaut. Nach dem Betriebsfest ist es vielleicht noch okay, wenn der:die Kolleg:in am nächsten Morgen nicht ganz frisch wirkt. Doch was, wenn Betriebsfeste und privater Konsum zusammenkommen?
Es kann aber auch sein, dass eine Mitarbeiterin zunehmend erschöpft wirkt, sich kaum noch konzentrieren kann und sich zurückzieht. Kolleg:innen vermuten eine Depression oder Medikamentenkonsum. Darf ich das überhaupt ansprechen? „Auch wenn Konsum grundsätzlich Privatsache ist: Sobald er die Arbeitssicherheit oder die Leistungsfähigkeit betrifft, wird er zum Thema im Betrieb. Denn durch mein Verhalten gefährde ich mich selbst oder andere. Es können Fehler mit Maschinen, im Verkehr oder im Kund:innenkontakt passieren“, so Isabel Koberwein, Expertin für Arbeitnehmer:innenschutz der GPA.
In allen Bundesländern unterstützen Fachstellen für Suchtprävention Betriebe bei Präventionsmaßnahmen und Stufenplänen.
In Wien etwa das Institut für Suchtprävention der Sucht- und Drogenkoordination Wien, mit dem die Gewerkschaft GPA auch eine Musterbetriebsvereinbarung entwickelt hat.
Gründe dafür, dass Menschen süchtig werden – die Einnahme leistungssteigernder Substanzen ist hier nur die Spitze des Eisbergs –, sind steigender Arbeitsdruck, psychische Belastungen sowie persönliche Krisen und Unsicherheiten. Suchtverhalten ist dabei oft eine Bewältigungsstrategie – aber eine mit Folgen.
In der Suchtprävention macht die Unternehmenskultur den Unterschied. Hier kommen Fragen wie jene ins Spiel, ob Alkohol bei Betriebsfeiern selbstverständlich mitgedacht wird oder standardmäßig Alternativen ohne Rechtfertigungsdruck angeboten werden; ob über Probleme geschwiegen wird oder diese offen angesprochen werden können. Prävention beginnt im Alltag und nicht erst, wenn ein Problemfall eintritt.
In ganz Österreich unterstützen Fachstellen bei Präventionsmaßnahmen und Stufenplänen, in Wien das Institut für Suchtprävention der Sucht- und Drogenkoordination Wien.