Die Nase rinnt, der Schädel brummt, man möchte nur noch schlafen: „Fit für den Arbeitstag“ fühlt sich anders an. Doch laut aktuellem Arbeitsklima Index der Arbeiterkammer Oberösterreich sagen inzwischen 65 Prozent der Beschäftigten, dass sie auch mit einer akuten Erkrankung arbeiten. Im Jahr 2021 waren es noch 48 Prozent. Eine Erkrankung wegdrücken und trotzdem arbeiten: Das scheint fast jede:r schon erlebt zu haben, so eine ähnliche frühere Umfrage der AK Wien.
„Oft ist ein regelmäßiges Durchhalten trotz Krankheit der erste Schritt in einen späteren Langzeitkrankenstand.“
Timon Pfleger, AK Wien
Dabei wissen Arbeitsmediziner:innen längst: Ohne Zeit zum Auskurieren dauert die Heilung deutlich länger. Wer angeschlagen arbeitet, neigt eher zu Fehlern – und schließlich können auch andere Menschen angesteckt werden. Wer immer wieder vermeintlich harmlose Krankheiten „durchtaucht“, riskiert auf Dauer auch schwere Gesundheitsschäden.
Timon Pfleger, Sozialpolitik Experte der AK, warnt: „Oft ist ein regelmäßiges Durchhalten trotz Krankheit der erste Schritt in einen späteren Langzeitkrankenstand. Irgendwann macht der Körper nicht mehr mit.“
Laut Arbeitsklima Index spüren viele Beschäftigte die Folgen, wenn sie krank gearbeitet haben. Viele klagten über Müdigkeit und Abgeschlagenheit (45 Prozent) sowie über Konzentrationsprobleme bei der Arbeit (30 Prozent). Einen Rückfall hatten 11 Prozent, spätere gesundheitliche Probleme beklagten weitere 10 Prozent.
Warum also krank arbeiten? Als die drei wichtigsten Gründe nannten die Befragten im Arbeitsklima Index Rücksicht gegenüber dem Team (56 Prozent), Angst, dass „die Arbeit liegen bleibt“ (40 Prozent) und das Wissen, „dass es keine Vertretung gibt“ (32 Prozent).
Menschen in Gesundheitsberufen, in Sozialberufen, Lehrkräfte oder Kindergartenpädagog:innen gehen öfter als andere krank in die Arbeit. Pflichtgefühl und Solidarität mit den Kolleg:innen, die im Krankheitsfall einspringen müssen, spielen eine wichtige Rolle. „Aber oft steckt auch Personalmangel dahinter“, so AK Experte Timon Pfleger. „Gerade in den sozialen Berufe, den Lehrberufen oder den Gesundheitsberufen sind viele Stellen nicht besetzt: Wo es keine Vertretung in der Schule oder bei den Patient:innen gibt, gehen die Leute krank arbeiten. Sie fühlen sich dem Team, aber auch den Menschen, die sie betreuen, verpflichtet.“
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Auch der Wandel der Arbeitswelt zeigt sich im Trend zu diesem „Präsentismus“. Immer mehr Menschen arbeiten zumindest teilweise im Homeoffice. „Damit einher geht auch oft die Bereitschaft der Beschäftigten und ein mehr oder weniger sanfter Druck der Firma, bei Krankheit im Homeoffice weiterzuarbeiten, nach dem Motto: eine Sitzung und ein paar E-Mails werden schon gehen“, sagt Pfleger.
Das bestätigt auch der Arbeitsklima Index: Unter denen, die gelegentlich im Homeoffice arbeiten, berichten 70 Prozent, dass sie öfter auch krank arbeiten. Bei Beschäftigten ohne Homeoffice sind es 64 Prozent.
Dabei schätzen Wissenschaftler die Kosten durch Präsentismus für die Unternehmen sogar höher ein als durch Krankenstände. „Wenn sich jemand wochenlang halbkrank in die Arbeit quält, ist diese Person weniger leistungsfähig und neigt eher zu Fehlern als Kolleg:innen, die nach wenigen Tagen Krankenstand auskuriert und erholt arbeiten können. Das Ansteckungsrisiko und damit die Gefahr weiterer Ausfälle wird dadurch natürlich auch erhöht“, so Pfleger.
Was Führungskräfte in Sachen Krankenstand vorleben, prägt auch die Kultur im Unternehmen. „Die Unternehmen müssen hier ihre Fürsorgepflicht wahrnehmen: Sie müssen für genügend Personal sorgen, um Krankenstände auszugleichen. Sie müssen aber auch Krankenstände respektieren und nicht mehr oder weniger versteckt auf verfrühte Rückkehr drängen“, fordert der Experte der AK.
Laut Arbeitsklima Index der AK Oberösterreich sind es vor allem Menschen in Gesundheitsberufen, Sozialberufen, Lehrkräfte und Kindergartenpädagog:innen. Personalmangel und das Gefühl der Verpflichtung gegenüber Team und Betreuten treiben diesen Trend besonders stark an.