Fiebermesser zum Thema Präsentismus © KATSU-stock.adobe.com


Weitblick

Krank arbeiten? Auskurieren statt durchtauchen   

Immer mehr Beschäftigte arbeiten trotz akuter Erkrankung. Sie tun das oft unter Druck oder aus Rücksicht auf das Team. Doch Betriebs­räte können gegen­steuern.

Ute  Bösinger
25.06.2026



in aller kürze

Krank arbeiten

  • Laut aktuellem Arbeitsklima Index der AK Oberösterreich arbeiten bereits 65 Prozent der Beschäftigten trotz akuter Erkrankung – 2021 waren es noch 48 Prozent.

  • Krank arbeiten schadet nicht nur der eigenen Gesundheit, sondern kostet Unternehmen mehr als reguläre Krankenstände.

  • Betriebsrät:innen können aktiv gegensteuern: durch Sensibilisierung von Führungskräften, Information der Kolleg:innen und Beobachtung des Umgangs mit Krankenstand im Betrieb.

Die Nase rinnt, der Schädel brummt, man möchte nur noch schlafen: „Fit für den Arbeitstag“ fühlt sich anders an. Doch laut aktuellem Arbeits­klima Index der Arbeiterkammer Oberösterreich sagen inzwischen 65 Prozent der Beschäftigten, dass sie auch mit einer akuten Erkrankung arbeiten. Im Jahr 2021 waren es noch 48 Prozent. Eine Erkrankung wegdrücken und trotzdem arbeiten: Das scheint fast jede:r schon erlebt zu haben, so eine ähnliche frühere Umfrage der AK Wien.


Timon Pfleger, Sozialpolitik-Experte, AK Wien © Lisi Specht
Timon Pfleger, Sozialpolitik-Experte, AK Wien © Lisi Specht

„Oft ist ein regel­mäßiges Durch­halten trotz Krankheit der erste Schritt in einen späteren Lang­zeit­kranken­stand.


Timon Pfleger, AK Wien

Welche Risiken gibt es, wenn man krank arbeitet?

Dabei wissen Arbeits­mediziner:innen längst: Ohne Zeit zum Auskurieren dauert die Heilung deutlich länger. Wer angeschlagen arbeitet, neigt eher zu Fehlern – und schließlich können auch andere Menschen angesteckt werden. Wer immer wieder vermeintlich harmlose Krankheiten „durchtaucht“, riskiert auf Dauer auch schwere Gesund­heits­schäden.

Timon Pfleger, Sozialpolitik Experte der AK, warnt: „Oft ist ein regelmäßiges Durch­halten trotz Krankheit der erste Schritt in einen späteren Lang­zeit­kranken­stand. Irgendwann macht der Körper nicht mehr mit.“ 

Laut Arbeits­klima Index spüren viele Beschäftigte die Folgen, wenn sie krank gearbeitet haben. Viele klagten über Müdigkeit und Abgeschlagenheit (45 Prozent) sowie über Konzentrations­probleme bei der Arbeit (30 Prozent). Einen Rückfall hatten 11 Prozent, spätere gesund­heitliche Probleme beklagten weitere 10 Prozent.


Was sind Ursachen und Folgen?

Warum also krank arbeiten? Als die drei wichtigsten Gründe nannten die Befragten im Arbeits­klima Index Rücksicht gegenüber dem Team (56 Prozent), Angst, dass „die Arbeit liegen bleibt“ (40 Prozent) und das Wissen, „dass es keine Vertretung gibt“ (32 Prozent)

Menschen in Gesund­heits­berufen, in Sozialberufen, Lehrkräfte oder Kindergarten­pädagog:innen gehen öfter als andere krank in die Arbeit. Pflicht­gefühl und Solidarität mit den Kolleg:innen, die im Krankheitsfall einspringen müssen, spielen eine wichtige Rolle. „Aber oft steckt auch Personal­mangel dahinter“, so AK Experte Timon Pfleger. „Gerade in den sozialen Berufe, den Lehrberufen oder den Gesundheitsberufen sind viele Stellen nicht besetzt: Wo es keine Vertretung in der Schule oder bei den Patient:innen gibt, gehen die Leute krank arbeiten. Sie fühlen sich dem Team, aber auch den Menschen, die sie betreuen, verpflichtet.“



gut zu wissen

Trend zum Präsentismus stoppen

3 Tipps für die Betriebsratsarbeit

  1. Führungskräfte sensibilisieren: Sie haben eine Fürsorge­pflicht für ihre Mitarbeiter:innen. Wer krank ist, darf nicht arbeiten. Damit muss die Firma die erkrankten Beschäftigten vor sich selbst, aber auch die anderen Kolleg:innen vor einer Ansteckungsgefahr schützen.

    Denn es wirkt ins Team hinein, wenn Führungs­kräfte Beschäftigte nach Hause schicken, damit sie sich auskurieren. Umgekehrt prägt es auch das Betriebsklima, wenn Chef:innen darauf drängen, dass erkrankte Kolleg:innen noch etwas Dringendes fertigmachen.

  2. Die Kolleg:innen informieren: Wer sich krank­meldet, soll sich auskurieren und auch nicht im Homeoffice weiterarbeiten. 

  3. Die Betriebskultur im Umgang mit Krankenstand im Auge behalten: Betriebsrats­mitglieder können die Firma auch darauf hinweisen: Auf lange Sicht gewinnt das Unternehmen, wenn Beschäftigte ihre Krank­heiten auskurieren. Wo es Kontakt zu Kund:innen gibt, sollte die Firma ohnehin ein Interesse daran haben, dass niemand krank arbeitet.

Krank im Homeoffice

Auch der Wandel der Arbeitswelt zeigt sich im Trend zu diesem „Präsentismus“. Immer mehr Menschen arbeiten zumindest teilweise im Homeoffice. „Damit einher geht auch oft die Bereit­schaft der Beschäftigten und ein mehr oder weniger sanfter Druck der Firma, bei Krankheit im Homeoffice weiterzuarbeiten, nach dem Motto: eine Sitzung und ein paar E-Mails werden schon gehen“, sagt Pfleger.

Das bestätigt auch der Arbeits­klima Index: Unter denen, die gelegentlich im Homeoffice arbeiten, berichten 70 Prozent, dass sie öfter auch krank arbeiten. Bei Beschäftigten ohne Homeoffice sind es 64 Prozent.


Hohe Kosten für Präsentismus

Dabei schätzen Wissen­schaftler die Kosten durch Präsentismus für die Unter­nehmen sogar höher ein als durch Kranken­stände. „Wenn sich jemand wochenlang halbkrank in die Arbeit quält, ist diese Person weniger leistungsfähig und neigt eher zu Fehlern als Kolleg:innen, die nach wenigen Tagen Kranken­stand auskuriert und erholt arbeiten können. Das Ansteckungs­risiko und damit die Gefahr weiterer Ausfälle wird dadurch natürlich auch erhöht“, so Pfleger. 


Was Führungs­kräfte in Sachen Krankenstand vorleben, prägt auch die Kultur im Unternehmen. „Die Unternehmen müssen hier ihre Fürsorge­pflicht wahrnehmen: Sie müssen für genügend Personal sorgen, um Kranken­stände auszugleichen. Sie müssen aber auch Krankenstände respektieren und nicht mehr oder weniger versteckt auf verfrühte Rückkehr drängen“, fordert der Experte der AK.


Faq

Krank im Job

  • Darf der Arbeitgeber verlangen, dass ich krank im Homeoffice arbeite? 
    Nein. Wer krank ist, hat Anspruch auf Kranken­stand – unabhängig davon, ob Homeoffice möglich wäre. Die Fürsorgepflicht des Arbeit­gebers schließt ein, Beschäftigte nicht zur Arbeit zu drängen, wenn sie erkrankt sind. Laut AK-Experte Timon Pfleger üben manche Firmen dennoch „mehr oder weniger sanften Druck“ aus – das ist nicht zulässig.

  • Warum ist Präsentismus teurer als Krankenstand?
    Wer krank arbeitet, ist weniger leistungsfähig, macht mehr Fehler und steckt Kolleg:innen an. Wissen­schaftler:innen schätzen die dadurch entstehenden Kosten für Unternehmen höher ein als die Kosten regulärer Kranken­stände. Wer sich auskuriert, kehrt erholt zurück – das rechnet sich.

  • Welche Berufsgruppen gehen besonders oft krank zur Arbeit?

    Laut Arbeitsklima Index der AK Oberösterreich sind es vor allem Menschen in Gesund­heits­berufen, Sozialberufen, Lehrkräfte und Kinder­garten­pädagog:innen. Personal­mangel und das Gefühl der Verpflichtung gegenüber Team und Betreuten treiben diesen Trend besonders stark an.

  • Was können Betriebsrät:innen konkret tun, wenn Kolleg:innen krank zur Arbeit kommen? 
    Betriebsrät:innen können Führungs­kräfte auf ihre Fürsorge­pflicht hinweisen, Kolleg:innen über ihr Recht auf Kranken­stand informieren und den betrieblichen Umgang mit Kranken­ständen beobachten. Wo Personal­mangel das Problem ist, lässt sich das als strukturelles Argument gegenüber der Unternehmens­leitung einsetzen.