Illustration mit Personen mit symbolisch leerer Batterie zum Thema Strukturwandelbarometer © Vikkymir Store– stock.adobe.com


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Strukturwandelbarometer 2026:
Mehr Leistung um jeden Preis?

Betriebsrats­mitglieder schlagen Alarm – sie erklären aber auch, warum gute Arbeits­bedingungen, Mitbestimmung und Qualifizierung der Schlüssel zu nachhaltigem Erfolg sind: Das zeigt das aktuelle Struktur­wandel­barometer von AK Wien und ÖGB.

Peter Leinfellner
24.08.2026
in diesem Artikel



    in aller kürze

    Strukturwandelbarometer 2026:

    • In vielen Betrieben steigt die Produktivität, allerdings oft durch Druck auf Beschäftigte, zeigt das Strukturwandelbarometer 2026 von AK Wien und ÖGB.

    • Folgen des höheren Arbeitstempos: schlechteres Arbeitsklima, höherer Arbeitsdruck, höhere Anzahl von Krankenständen

    • Der Betriebsrat fungiert als Frühwarnsystem und kann für faire Lösungen eintreten.

    • Für die Produktivitäts­steigerung wünschen sich Betriebs­rats­vorsitzende eine Prozess­optimierung, die Einbindung der Beschäftigten und Weiter­bildung.

    • AK und ÖGB fordern eine Aus- und Weiterbildungs­offensive, alterns­gerechte Arbeitsplätze sowie verstärkte Mitbestimmung und Kommunikation.

    Immer mehr. Immer schneller. Immer weniger Zeit. Für viele Beschäftigte in Österreich ist das längst Alltag. Was früher die Ausnahme war, ist heute für viele zur Regel geworden: dieselbe Arbeit mit weniger Personal, ständig neue Auf gaben und ein Leistungs­druck, der immer weiter steigt.

    Doch Arbeit ist kein Dampfkessel, bei dem man den Druck einfach immer weiter erhöhen kann, bis irgendwann mehr Leistung herauskommt. Irgendwann droht das System zu überhitzen – mit schweren Folgen. Genau dieses Bild zeichnet das aktuelle Struktur­wandel­barometer von AK Wien und ÖGB. Für die Studie befragte das Meinungs­forschungsinstitut IFES knapp 1.500 Betriebsrats­vorsitzende aus ganz Österreich.

    Das eindeutige Ergebnis: Die Produktivität steigt in vielen Betrieben – aber der Weg dorthin führt häufig über­steigenden Druck auf die Beschäftigten.

    Höhere Produktivität nicht auf Kosten der Gesundheit

    Für sieben von zehn Betriebsrats­vorsitzenden ist Produktivität eines der wichtigsten Themen im Unternehmen: Mehr als die Hälfte berichtet von einer gestiegenen Produktivität in den vergangenen drei Jahren. Doch diese Entwicklung entsteht vielfach nicht durch bessere Abläufe, neue Ideen oder Investitionen, sondern dadurch, dass Beschäftigte immer mehr leisten müssen.

    „Unternehmen müssen endlich erkennen: Ihre Mitarbeiter:innen sind ihr wichtigstes Kapital. Wer das Arbeitstempo ständig erhöht, gefährdet die Gesundheit der Beschäftigten“, warnt ÖGB-Bundes­geschäftsführer Willi Mernyi.


    Silvia Hruška-Frank, Direktorin der Arbeiterkammer Wien und der Bundesarbeitskammer © Lisi Specht
    Silvia Hruška-Frank, Direktorin der Arbeiterkammer Wien und der Bundesarbeitskammer © Lisi Specht

    Unsere Um­frage zeigt deut­lich, dass von Ver­tre­ter:in­nen der Wirt­schaft völlig an der Reali­tät vorbei­ ar­gu­men­tiert wird.


    Silvia Hruška-Frank, AK Direktorin

    Die Folgen zeigen sich bereits deutlich: Das Arbeits­klima verschlechtert sich, der Arbeitsdruck nimmt zu, immer mehr Beschäftigte schleppen sich krank in die Arbeit oder opfern ihre Freizeit für berufliche Aufgaben. „Die Arbeit wird immer intensiver, was in einer hohen Anzahl von Kranken­ständen resultiert. Gleichzeitig wird von Vertreter:innen der Wirtschaft nach einem höheren Pensions­alter gerufen. Unsere Umfrage zeigt deutlich, dass hier völlig an der Realität vorbei argumentiert wird“, ergänzt AK Direktorin Silvia Hruška-Frank.

    Einbindung des Betriebsrats für faire Lösungen

    Um die Produktivität zu steigern, übersehen viele Unternehmen die Werkzeuge, die bereits vorhanden sind. Aus Sicht der Betriebsratsvorsitzenden wären das Prozessoptimierungen, die stärkere Einbindung der Beschäftigten, Digitalisierung und Weiterbildung.

    Aber: Nur rund jeder dritte Betrieb setzt Weiterbildung konsequent ein. Dabei ist Weiterbildung kein Luxus, sondern hilft Beschäftigten, mit Veränderungen Schritt zu halten, und gibt Unternehmen die Möglichkeit, neue Herausforderungen mit den eigenen Mitarbeiter:innen zu bewältigen.

    Betriebsräte spielen eine entscheidende Rolle für faire Lösungen im Betrieb. Wo sie gut eingebunden sind, funktioniert die Zusammen­arbeit zwischen Beschäftigten, Betriebsrat und Management besser. Mehr Mitsprache bedeutet mehr Fairness und bessere Arbeits­bedingungen. Positiv ist, dass die Kommunikation in den Betrieben meist gut läuft.

    Allerdings gibt es ein Warnsignal: Die Einbindung des Betriebsrats in unter­nehmerische Entscheidungen ist erstmals ins Negative gekippt. „Mitbestimmung ist keine Bremse für wirtschaftlichen Erfolg. Sie ist ein Motor, der Unter nehmen stabiler, innovativer und erfolgreicher macht“, sind Hruška Frank und Mernyi überzeugt.


    Willi Mernyi, ÖGB Bundes­geschäfts­führer © Lisi Specht
    Willi Mernyi, ÖGB-Bundesgeschäftsführer © Lisi Specht

    Wer das Arbeits­tempo ständig er­höht, ge­fähr­det die Ge­sund­heit der Be­schäf­tig­ten.


    Willi Mernyi, ÖGB-Bundesgeschäftsführer

    Betriebsräte als Frühwarnsystem

    Besonders deutlich wird der Widerspruch beim Thema Fachkräfte. Viele Unter­nehmen rufen lautstark nach mehr Personal, gleichzeitig bleiben ihre Türen für viele Menschen aber zu. 63 Prozent der Betriebe geben an, Schwierig­keiten zu haben, Personal zu finden. Trotzdem stellen viele Unternehmen Lang­zeit­arbeitslose, Menschen über 50, Teilzeitkräfte oder Menschen mit Betreuungs­pflichten nur sehr zögerlich ein.

    Doch Betriebs­rats­mitglieder wissen: Der Fachkräfte­bedarf lässt sich nicht lösen, wenn gleichzeitig Menschen ausgeschlossen werden, die wichtige Erfahrungen und Fähigkeiten mitbringen.

    Gerade in Zeiten des Wandels spielen Betriebsräte deshalb eine zentrale Rolle: Sie sind das Früh­warn­system in den Betrieben. Betriebs­rats­mitglieder kennen die Heraus­forderungen der Beschäftigten und bringen wert volles Wissen in Veränderungen ein. Ihre Erfahrung ist keine Bremse, sondern ein Schlüssel zu besseren Lösungen.


    Gut zu wissen

    Arbeit am Anschlag
    Das sind die Forderungen von AK und ÖGB:

    • Systematischer Ausbau der Qualifizierung der Mitarbeiter:innen in Form einer groß angelegten Aus -und Weiterbildungsoffensive

    • Gesundheit und Arbeitsfähigkeit müssen als Produktivitätsfaktoren begriffen werden – es braucht alternsgerechte Arbeitsplätze, damit Beschäftigte auch gesund in Pension gehen können. 

    • Mitbestimmung und Kommunikation weiter stärken – als wichtige Ressourcen für eine positive wirtschaftliche und soziale Entwicklung in den Unternehmen.