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Kolumne Draufgeschaut

Gemeinschaft versus Individualismus: Die Grenzen des Ich

Der Individualismus feiert fröhliche Urständ. Doch erst durch ein starkes „Wir“ in der Gesell­schaft kann es dem Einzelnen gelingen, sich zu entfalten.

Oliver Piller
15.10.2026

 

Oliver Piller, AK Wien © Christian Heiling, Jakob Fielhauer
Oliver Piller, AK Wien © Christian Heiling, Jakob Fielhauer

Der Indivi­dualis­mus gehört zu den prägenden Ideen der Moderne. Er hat Selbst­bestimmung, persönliche Frei­heit und die Entfaltung des Einzelnen gegen starre Traditionen durchgesetzt.

Doch in den letzten Jahrzehnten hat sich dieser Gedanke gewandelt. Aus dem Recht auf Selbst­bestimmung wurde die Überzeugung, jede Person sei allein für ihr Schicksal verantwortlich, kollektive Absicherung hin gegen überflüssig oder sogar schädlich. Diese Verschiebung stellt zunehmend jene gewachsenen Sozialsysteme infrage, auf denen Wohlstand und gesellschaftlicher Zusammen­halt beruhen.

An aktuellen Debatten mangelt es nicht. Die persönliche Entscheidung für eine private Kranken­versicherung oder eine private Altersvorsorge darf Platz haben, sollte allerdings nicht „das neue Normal“ sein. Abgesehen davon, dass Unternehmen damit viel Geld verdienen, dürfen Leistungen wie diese nicht von den Geldbörsen der Menschen abhängen.

Als Gesellschaft müssen wir dafür sorgen, dass das öffentliche Gesund­heits­system und das umlage­finanzierte Pensions­system allen Menschen zur Verfügung stehen. Daran zu rütteln, würde uns im Eiltempo in Richtung ent­solidarisierte Gesell­schaft bringen – blicken wir etwa nur in die USA.

Solidarsysteme haben sich bewährt

In Europa – und insbesondere in Österreich – haben wir gute Erfahrungen mit Solidar­systemen gemacht. Diese haben in der Zweiten Republik erheblich zur Wohlstandssteigerung der breiten Masse beigetragen. Unser System der Betriebs­räte und das Verhandeln über Kollektiv­verträge sind ein ganz konkreter Ausdruck kollektiver Handlungsmacht. Gerade deshalb braucht es eine Erinnerung an den bleibenden Wert unserer Solidarsysteme.

Der Sozial­staat ist kein Widerspruch zu individuellem Schaffen, sondern dessen eigentliche Voraus­setzung. Erst wenn Gesundheit, Bildung und Alterssicherung nicht vom Zufall der Geburt oder vom Erfolg am Kapital­markt abhängen, entstehen jene gleichen Start­bedingungen, die individuelle Entfaltung überhaupt erst ermöglichen.