Der Individualismus gehört zu den prägenden Ideen der Moderne. Er hat Selbstbestimmung, persönliche Freiheit und die Entfaltung des Einzelnen gegen starre Traditionen durchgesetzt.
Doch in den letzten Jahrzehnten hat sich dieser Gedanke gewandelt. Aus dem Recht auf Selbstbestimmung wurde die Überzeugung, jede Person sei allein für ihr Schicksal verantwortlich, kollektive Absicherung hin gegen überflüssig oder sogar schädlich. Diese Verschiebung stellt zunehmend jene gewachsenen Sozialsysteme infrage, auf denen Wohlstand und gesellschaftlicher Zusammenhalt beruhen.
An aktuellen Debatten mangelt es nicht. Die persönliche Entscheidung für eine private Krankenversicherung oder eine private Altersvorsorge darf Platz haben, sollte allerdings nicht „das neue Normal“ sein. Abgesehen davon, dass Unternehmen damit viel Geld verdienen, dürfen Leistungen wie diese nicht von den Geldbörsen der Menschen abhängen.
Als Gesellschaft müssen wir dafür sorgen, dass das öffentliche Gesundheitssystem und das umlagefinanzierte Pensionssystem allen Menschen zur Verfügung stehen. Daran zu rütteln, würde uns im Eiltempo in Richtung entsolidarisierte Gesellschaft bringen – blicken wir etwa nur in die USA.
In Europa – und insbesondere in Österreich – haben wir gute Erfahrungen mit Solidarsystemen gemacht. Diese haben in der Zweiten Republik erheblich zur Wohlstandssteigerung der breiten Masse beigetragen. Unser System der Betriebsräte und das Verhandeln über Kollektivverträge sind ein ganz konkreter Ausdruck kollektiver Handlungsmacht. Gerade deshalb braucht es eine Erinnerung an den bleibenden Wert unserer Solidarsysteme.
Der Sozialstaat ist kein Widerspruch zu individuellem Schaffen, sondern dessen eigentliche Voraussetzung. Erst wenn Gesundheit, Bildung und Alterssicherung nicht vom Zufall der Geburt oder vom Erfolg am Kapitalmarkt abhängen, entstehen jene gleichen Startbedingungen, die individuelle Entfaltung überhaupt erst ermöglichen.