Deutsch, Englisch, Bosnisch, Arabisch, Mandarin: Österreichs Betriebe sind längst mehrsprachig. Das eröffnet Chancen, bringt aber auch Herausforderungen mit sich. Werden Arbeitsaufträge nicht richtig verstanden, kann aus einem Missverständnis schnell ein Sicherheitsrisiko werden.
Beschäftigte übersetzen für Kolleg:innen, erklären komplexe Sachverhalte oder schaffen durch ihre Sprachkenntnisse Vertrauen zu Kund:innen. Dennoch wird Mehrsprachigkeit in vielen Betrieben eher als Privatsache denn als Unternehmensressource wahrgenommen. Damit sie mehr als ein Schlagwort bleibt, muss sie im Betrieb sichtbar werden: Welche Sprachen werden gesprochen? Wo können sie eingesetzt werden? Und wie lässt sich diese zusätzliche Kompetenz anerkennen?
Für Rafi Ahmadi, Betriebsrat des Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF), ist dabei ein Punkt besonders wichtig: Wer regelmäßig übersetzt oder Kolleg:innen in verschiedenen Sprachen berät, übernimmt eine zusätzliche Aufgabe. Diese sollte klar vereinbart und auch zeitlich eingeplant werden. „Als Betriebsrat setze ich mich dafür ein, dass Mehrsprachigkeit als zusätzliche Qualifikation anerkannt und angemessen entlohnt wird.“
„Besonders wichtig wird Verständigung dort, wo Sicherheit auf dem Spiel steht.“
Oliver Gruber, AK Wien
„Besonders wichtig wird Verständigung dort, wo Sicherheit auf dem Spiel steht. Eine Betriebsanweisung auszuteilen, reicht nicht aus – Unter nehmen müssen sicherstellen, dass die Beschäftigten sie auch verstehen“, erklärt Oliver Gruber, Experte aus der Abteilung Lehrausbildung und Bildungspolitik der AK Wien.
Gezielte Sprachförderung und berufsspezifische Kurse helfen gegen sprachliche Probleme am Arbeitsplatz. „An vielen Arbeitsplätzen kann fachspezifisches Sprachwissen oder die Begleitung durch einen Buddy, der Dialektkommunikation vermittelt, wichtiger sein als ein formaler Sprachnachweis“, so Gruber.
Mehrsprachigkeit kann auch soziale Barrieren schaffen. „Wenn sich Beschäftigte in einer Sprache unterhalten, die andere nicht verstehen, können Frustration, Ausschlussempfinden und Konflikte entstehen“, betont Gruber. „Die Antwort sollte daher nicht lauten: ‚Ab jetzt nur noch Deutsch.‘ Vielmehr braucht es klare Spielregeln: Wann ist Mehrsprachigkeit sinnvoll und wann braucht es eine gemeinsame Sprache, damit niemand ausgeschlossen wird?“
Genau hier kann der Betriebsrat eine wichtige Rolle übernehmen – etwa indem er moderiert, bei Konflikten vermittelt oder gemeinsam mit dem Betrieb einen Verhaltenskodex entwickelt.
„Wichtig ist, dass der Integrationsgedanke auch intern gelebt wird.“
Rafi Ahmadi, Rafi Ahmadi, Betriebsrat ÖIF
Auch die Kommunikation des Betriebsrats sollte möglichst verständlich sein. Neben klaren Texten und mehrsprachigen Unterlagen braucht es vor allem die Möglichkeit, persönlich nachzufragen. „Ich biete zusätzlich Gespräche an, damit Kolleg:innen vertraulich nachfragen und Fachbegriffe sowie zentrale Informationen noch einmal mit mir klären können. Bei komplexen rechtlichen Fragen verweise ich an die Gewerkschaft oder die AK“, erzählt Ahmadi.
Betriebsversammlungen bieten ebenfalls einen Rahmen, um Mehrsprachigkeit sichtbar zu machen: Wenn Kolleg:innen in ihren Sprachen zu Wort kommen, signalisiert das Wertschätzung und stärkt die Teilhabe. Auch KI-basierte Übersetzungstools könnten dabei künftig unterstützen, ist Gruber überzeugt.
Oliver Gruber: „Aus Sicht der AK über wiegen die Vorteile von Mehrsprachigkeit durchaus die Barrieren.“ Ganz vermeiden lassen sich Verständigungsprobleme allerdings nicht – auch Menschen, die dieselbe Sprache sprechen, können aneinander vorbeireden.
Für Betriebsrät:innen geht es vor allem darum, Mehrsprachigkeit als Teil des Arbeitsalltags anzuerkennen, sprachliche Kompetenzen sichtbar zu machen und allen Beschäftigten Zugang zu Informationen zu ermöglichen. „Wichtig ist, dass der Integrationsgedanke auch intern gelebt wird und die Expertise der Kolleg:innen in betriebliche Entscheidungen einfließt“, ergänzt Betriebsrat Ahmadi.
Die Frage ist deshalb nicht, ob ein Betrieb mehr sprachig ist, sondern wie er damit umgeht. Oder, wie Gruber sagt: „Sprache soll verbinden – nicht ausschließen.“
Der Ratgeber „Auf den Punkt gebracht. Schreiben für die Gewerkschaftsarbeit“ (2026) gibt wichtige Hinweise für das Formulieren von Texten: Wie verfasse ich verständliche Informationen für alle Kolleg:innen? Und wie kann KI dabei unterstützen? Außerdem enthält der Ratgeber Tipps für eine klare Ausdrucksweise in Protokollen, Briefen und E-Mails.